Der Karneval

 Die ersten Trommeln schlugen zum Tanz.

Ihr schwerer, dröhnender Klang ließ Knochen und Fleisch erzittern, hallte in den Stämmen der Bäume wieder und versetzte die roten Federn der Tänzerinnen in raschelnde Bewegung. Ein letztes Mal wurden die Haare zurückgestrichen, die Glöckchen zurechtgerückt, der Schweiß der warmen Abenddämmerung von der Stirn getupft.

Zaghaft begannen die erstem Schritte der Leute.

Bunt bemalte Füße gruben beherzt ihre Zehen in den Sand. Drehung. Ein langsames, vereinzeltes Klatschen erklang. Drehung. In der Menge blieb ein Kind stehen, farbverschmiert wie ein Krieger und großen Augen, welche die Spannung einer ganzen Stadt widerspiegelte. Drehung. Es krallte sich in den Rock jenes schillernden und klappernden Wesens, in das sich seine Mutter verwandelt hatte. Sie strich ihm über den Kopf und nahm ihn bei der Hand um ihn zurück in die Reihe des Tanzes zu führen. Drehung...

Die Trommeln schlug unerbittlich ihren Rhythmus in die Nacht.

Schuld daran waren die Amerikaner. Vor zwei Monaten kamen sie her mit ihrem grau-grünem Jeep, mitten in der brüllenden Mittagssonne, wo jeder normale Mensch in dem Schatten seines Hauses blieb um der drückenden Hitze zu entgehen, die in den Gassen aus Sandstein herrschte. Keuchend waren sie aus dem Auto gestiegen, auf dem man mit Leichtigkeit ein Ei hätte braten können. Jedem in der Stadt war klar, dass sie nur Ärger bringen konnten. Fremde, die noch dazu keinerlei Ahnung vom Leben hier hatten. Nur Siva nicht, sie hatte dem rosa gesichtigem Jungen in der Familie ihr perlenweißes Lächeln gezeigt, als er im Sand vor ihr landete.

Sie hatte gelacht.

Die Fackeln wehten im Wind und der Tanz fand in seine Bahnen. Das kleine Kind tapste selbstvergessen die Schritte mit. Die Masken klickten gegen einander, hölzerne Fratzen. Sie wandten die starren Gesichter in der Nacht, welche die Stadt wie eine schwarze, mit Sternen bestückte Faust umschlossen hatte. Die Tänzerinnen flatterten im Wind mit ihren gestreiften Gewändern, als sie sprangen. Diejenigen, die Klatschen sollten, klatschten, die Trommler trommelten, die Glocken klangen im Wind und durchschnitten die Nacht. Die Palmen glänzten im Fackelschein. Und langsam, ganz langsam löste sich das harte Zeremoniell des Tanzes auf...

Wo der amerikanische Junge, der Even hieß, meist mit Siva durch die Stadt hetzte, nur mit nackten Fußsohlen oder klappernden Sandalen unter den mit Wäscheleinen überspannten Gassen und offenen Fenstern hindurch, beklagte sich der Rest der Familie immer öfter über das fremde Essen, das fehlende Fernsehen, die Bekanntschaften – über alles. In den nächsten Wochen verstummten jedoch ihre Klagen, ihre Haut färbte sich dunkler und sie fügten sich ein. Wenn auch nicht in die Gemeinde.

Es war wieder um die Mittagszeit herum, als Even von den wilden Geistern erfuhr.

Niemals, niemals durfte man sich nach Mitternacht noch in den Straßen aufhalten, denn um diese Zeit, bis der Morgen graute, gehörte er den wilden Göttern, den Geistern, den Dämonen. Sie waren auch der Grund für die klimpernden Talismane, die blitzend über den Türen und Fenstern hingen und auch weshalb nie ein Mensch die Stadt verließ oder im Dschungel jagte.

Eine rote Gestalt sprang den anderen in den Weg, drängte die Tänzer aus einander und zeigte allen seine bleiche Papiermaske, über der eine rote Blüte thronte, stieß einen schrillen Schrei aus und war verschwunden. Keine paar Meter von ihm entfernt löste sich eine schwitzende Tänzerin mit golden gefleckten Armen von ihrem Tanzpartner und tanzte allein und selbstvergessen mit fließenden Armen und ruckenden Beinen, als wäre sie bereits von einem bösen Geist besessen. Zwei Jungen zogen mit bunten Bändern und ihren Sprüngen akrobatische Linien durch die Luft und die Szene erhellte sich durch eine Feuerfontäne in deren Licht gebadet sich drei Kinder an den Händen fassten und eine Palme umringten. Die Tänze wurden wilder, unbarmherziger, je dunkler und sternenvoller der Himmel wurde.

Und da erzählte Even Siva von Halloween. Er berichtete ihr, wie sie in seinem Land die bösen Geister vetrieben, sie mit Masken und Bräuchen ins Lächerliche zogen. Siva presste mit ihren Lippen eine Trockenfrucht aus, als sie ihm zuhörte.

Und sie beschloss ihre Stadt von dem Fluch der bösen Geister zu befreien.

Sie zerrte Even mit sich und zog einige bunte, klimpernde Gewänder aus einer Holztruhe, im Halbschatten des Hauses. Siehst du, auch wie haben Kostüme hier! Sie deutete mit ausgestrecktem Arm an die Wände. Und Masken auch! Even folgte ihrem Blick. Es ist nicht das gleiche... Aber für uns wird es reichen. Wir machen es wie an Halloween, wir feiern die Geister in Grund und Boden und erschrecken sie! Even lachte, denn er glaubte nicht an böse Geister.

Und nun tanzten sie unweigerlich dem Abgrund der Mitternacht entgegen, ein wilder, unbändiger Tanz, von trillernden Rufen durchzogen. Die Menschen tanzen, sie tanzten um ihr Leben, drückten in ihren Sprüngen, Wendungen und Verrenkungen eine unbändige Angst aus, die tief in ihren Knochen steckte und sich in Lebenswillen, in Lebensfreude verwandelte.

Solch einen Krach hatte es um diese Zeit noch nie hier im grünenden Urwald gegeben.

Die Menschen flatterten wie Aras, verloren ihre Federn. Die betörend geschmeidigen Frauen breiteten ihre Schleier aus, glänzten verführerisch im Licht und Trompeten schrien ihre Melodie in die Nacht. Siva krallte ihre Hand in Evens, eher eine Tierkralle als etwas anderes und zog ihn in die Menge, vorbei an dem Farbenrausch, zu ihr. Und mit ihm folgte seine Familie, die Einwanderer, die nirgends wirklich dazu gehörten. Das einzige, riesige, tanzende Tier verleibte sich jeden ein, egal welchen Alters, welchen Geschlechtes, welcher Herkunft, welchen Standes. Der Lärm und die Musik umarmte sie alle, schimmerte, klimperte, schrie.

Und übertönte in ihrer Euphorie die zwölf Glockenschläge der Turmuhr.

 

 

 

Und da war der Augenblick gekommen.

Denn auf einmal waren sie da.

Sie kamen aus dem Nichts, aus den Schatten des Urwald, der Schwärze, die ihre Zähne bleckte.

Klickende Krallen, aufgerissene, gelbe, grüne, rote, zu raubtierartigen Schlitzen verengte Augen. Lebende Finsternis umschlang die Gruppe.

Und sie verstummten. Von allen zuletzt erstarb die Trompete. Siva klammerte noch immer an Even, dessen Gesicht sich vor lauter abgefärbter Schminke kaum von den anderen unterschied. Zögernd standen sie da, die wilden Geschöpfe der Nacht, sahen dort, wo sie eigentlich ihre Stadt vorfinden sollten, ein Rudel wilder Menschen vor. Eines fauchte in der Nacht.

Die erste schwarze Hand setzte sich auf der Straße ab. Siva hob die Hände und zeigte die bemalten Oberflächen. Der erste tat es ihr gleich, die schwarzen Krallen spiegelten ölig die Fackeln wider.

Die Trommeln setzten ein.

Der Tanz begann von neuem.

Die Menge drehte sich um sich selbst, sog die gemusterten Felle, Häute, Zähne und Augen mit sich.

Die Ordnung löste sich auf um den einzelnen Platz zu machen.

Die Musik explodierte, löschte die Fackeln aus und ließ die wilde Meute zurück.

Und in jenem Moment, im Halbdunkel der Stadt gab es keine Unterschiede mehr. Egal ob Mitglied des menschlichen Karnevals, Amerikaner, oder wilder Gott. Im schwarzen Licht und den explodierenden Sternen über ihnen verzogen sich menschliche Gesichter zu Tierfratzen und öligen, starren Masken, wirkten die fließenden Bewegungen eines wilden Gottes ebenso geheimnisvoll wie das Glöckchengeläut der umschleierten Tänzerinnen. Und Even umarmte das wilde Tier, dass sich Siva nannte.

Perlenweiße Zähne lächelten zurück.

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