Die weinende Frau

Niemand kann so sehr hassen wie eine gekränkte Frau, so heißt ein Sprichwort.

Irgendwo in Land, sehr weit weg von hier, sitzt am Wegesrand eine weinende Frau, kauert dort und klagt. Die Ärmel ihres Kimonos saugen, schon lang ausgebleicht und grau, den nicht endenden Strom aus Tränen von dem verzerrten Gesicht. Und zwischen den Baumstämmen im Wald hallen die abgehackten, mitleiderregenden Laute, die ihrem, breiten, schmalen, roten Mund entspringen, wieder. Eingesunken ist der Kopf zwischen den Schultern, der Rücken rund wie ein Wagendrand und die Knie schützend angezogen an den Leib. Fas so, als könne sie sich nie wieder aus dieser Haltung des Leides lösen.

Täglich ziehen einige Reisegruppen an ihr vorbei, ohne dass sich jemand jemals zu ihr herumdreht. Der weiße Kies wird ein ums andere Mal von Sandalen platt getreten, links und rechts lauernd dunkelgrün und stumm wie Wände die Bäume. Sie wird nicht beachtet, nicht bemitleidet, während ihr Oberkörper von Krämpfen geschüttelt vor und zurück wippt, im Gegenteil: Sie wird gemieden: Die Reisegruppe, wie ein Dutzend bepackter menschlicher Schildkröten, weicht aus und geht einen kleinen Bogen um die Frau, fädelt sich dahinter wieder auf dem Weg ein. Sie verschwindet nach einer Weile hinter den Stämmen. Die Frau hockt noch immer da und weint zum Herzerbarmen.

So geht es den ganzen Tag, die Sonne brennt schmale Streifen auf den Kiesweg, bis ein Mann des Weges kommt. Er verhält sich nicht wie die Leute vor ihm, er verlangsamt seinen Wanderschritt, als er sie sieht. Sein Schrittrythmus stolpert, bricht ab, er steht. Sein wacher Blick tastet sie ab, er beugt den Kopf, tritt näher.
„Hallo, geht es ihnen gut?“
Doch keine Antwort dringt unter dem gesengten, schluchzenden Kopf hervor. Er tritt näher an sie heran. Einfühlsam wie Seide, so klingen seine Wort, als er sich zu ihr herunterbückt.
„Was ist denn passiert? Kann ich ihnen helfen?“
Doch statt, dass ihr seine Fragen Erleichterung und Trost, scheinen sie ihr noch mehr Pein zu bringen, wie Wasser aus einem angeschlagenen Fass, in das man eine Axt gerammt hat, bricht stotternd die Trauer und die Tränen über sie herein. Wie eine Mutter das Kind beschwichtigen will, so breitet er die Arme aus, tasten seine Hände nach den Schultern der Frau.
„Bitte, so weinen sie nicht mehr!“
Die Frau hebt den Kopf, nur leicht und richtet den Blick auf ihn.
Sein Blick fällt auf ihren Mund, einen verzerrten Schlund, aus dem schreckliche Dünste ihm entgegenschlagen. Nur wenige Stumpen ragen über die Lippen heraus, rötliche Spucke vermischt sich unter dem Kinn mit den Tränen und dem Rotz. Die angewinkelten Arme schießen vor, packen seine Schultern wie die Gottesanbeterin ihre Opfer packt und der Schlund schießt vor, presst sich auf das Gesicht des unglücklichen Mannes.

Hätte der arme Mann aufgepasst, so wäre ihm aufgefallen, dass der weiße Kies sich nur rund um die Frau erstreckt. Und wäre der arme Mann klug gewesen, so hätte er sich über die Gegend erkundigt. Vielleicht wäre er dann auf die Legende von der weinenden Frau gestoßen, die Menschen frisst, die sich ihr nähern. Dass sie sie tötet und ihre Knochen fein säuberlich über einige Tage hinweg abnagt, während sie weint und danach sehr viel Zeit darauf verwendet, weinend die weißen Knochen fein säuberlich zu Kies zu zerbrechen...

Vor einigen Jahrzehnten geschah etwas mit ihr, etwas, das kein Legendenschreiber je aufgeschrieben hat:
Ob sie damals schön oder hässlich, gut oder schlecht war, spielt heute keine Rolle mehr. Wichtiger war, dass sie einst selbst auf diesem Weg unterwegs war, zu einer, Zeit, als noch kein weißer Kies zwischen den Bäumen glühte. In ihrer Begleitung war ein Mann.
Ihr Mann.
Die sanfte Röte der Feier, auf der sie gerade gewesen waren, schimmerte noch auf ihren Gesichtern, während sie sich an seinen Arm schmiegte.
An jenem Abend näherte sich jedoch eine Bande von angetrunkenen, ungezügelten Gestalten von hinten. Und unversehends entlud sich ihre scheinbare Ausgelassenheit in Anzüglichkeit, griffen plötzlich Hände von hinten an das Gesäß der jungen Frau, umkreisten schmaläugige, grinsende Gesichter die beiden wie Wölfe.
Der Mann drohte, sie beide in Ruhe zu lassen, doch das schürte die Gewalt der Gruppe noch mehr.
Sie versuchten aus dem Kreis auszubrechen, doch harte Hände stießen sie zurück, dann wieder, von der anderen Seite diesmal, von einer dritten. Die Frau schrie und bat, damit aufzuhören, wurde an den Haaren gepackt und daran herumgerissen, während sie mit den Armen um sich schlug. Man hielt sie fest, während er Mann sich gegen eine Übermacht schlug. Die Männer waren nicht viel größer als er, doch viel energischer, aggressiver.

Blut glänzte schwarz an seiner Stirn, während ihn die Fäuste immer härter und öfter trafen. Als seine Gegenwehr erstarb und er sich ergab, selbst dann hörten sie nicht auf. Als er auf dem Boden zusammenbrach traten sie nach ihm, voller Freude, bis er sich nicht mehr regte. Die Frau wimmerte nurnoch. Die schmähenden Worte, wie hässlich sie doch aussähe, wenn sie weine, hörte sie nicht mehr. In diesem Moment und keinen einzigen früher strahlte suchendes Licht zwischen den Bäumen hindurch, schallten fragende Stimmen.
Als der Wachtmeister ankam, hatten sich die Männer längst verflüchtigt.
Nur eine kauernde, weinende Frau saß am Wegesrand und beweinte ihren zu Tode geprügelten Mann, der auf ihrem Schoß starb.

Und noch am nächsten Morgen saß sie da. Und auch noch am Mittag. Die Leute kamen und standen um sie herum, redeten ihr gut zu, endlich aufzustehen und versuchten ihren Mann zu begraben. Weder das eine noch das andere ließ sie zu. Ihre Augen waren geschwollen, ihre Kehle trocken vor lauter Tränen und ihre Hand strich wieder, immer und immer wieder über die verquollene, rote Wange ihres Geliebten, als könnte er es noch spüren.
Am nächsten Morgen, so schien es, hatte sie sich leer geweint. Ihre Lippen waren bröselig und trocken, die Kraft hatte sie verlassen. Fast schien es, als wolle sie ihrem Mann unbedingt ins Grab folgen. Man trug sie weg und genauso ihren Mann.

Die nächsten Tage blieben ihre Wangen trocken, ihr Gesicht leer. Sie schlich herum wie ein Geist, tat die Arbeit, die sie immer getan hatte und arbeitete weiter, bis man ihr befahl aufzuhören. Die Familie versuchte ihr Halt zu geben. Genauso konnte man versuchen, ein Fass ohne Boden zu füllen.
Den Kimono zog sie nicht aus, der Geruch ihres Mannes haftete noch an ihm. Ihr Haar richtete sie nicht, er war es, der es frisiert hatte. Sie sprach kein Wort, solange sie damit nicht ihre Trauer bekunden durfte.
Tage vergingen. Wochen vergingen. Monate vergingen.
Dann, eines Tages, der Regen wusch gerade die ockerfarbenen Dächer ab und die Frauen wuschen die Wäsche, als es geschah.
Die Frau verschwand.

Das Wasser rauschte. Es weichte den dunklen Boden auf. Es floss die schwarzen Strähnen der Frau herab, die dort mitten im Weg stand, in ihrem prachtvoll gemusterten Kimono, den Kopf gesenkt. Tropfen perlten auf ihren Zehennägeln, der Stoff klebte an ihrem Körper. Ihr Mund stand leicht offen, Lippen, die das Lächeln verlernt hatten. Ihre schwarzen Augen starrten zu Boden, nur auf die Stelle, an der ihr Liebster einst lag.
Und sie füllten sich mit Tränen.
Eine Gestalt näherten sich durch den Bodennebel. Die Bäume und der Regen dämpften das Geräusch seiner Schritte.
Sie hob den Kopf, wie in Trance, als ihre inneren Dämme brachen. Wie eine Marionette an Fäden drehte sie den Kopf, erfasste ihr Augenlicht die Personen, die dort kam. Ihre Brust wölbte sich, als sie sich mit Luft füllte, breit war ihr Mund und ein Klagegeheul brach durch den Nebel:
„Duuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuh.“
Der junge Mann, der da kam, blickte irritiert, als er sie sah.
„Neeeeeeein, neeeeeeeeeeeeeiiiiiiiiiiiiiiiiiiin!“, verebbte ihr Ruf zu abgehackten, kehligen Laute. Perlen aus Wasser hingen an ihren Wimpern und Wangen. Ihre Schultern schoben sich nach vorne, als wolle sie das Leben aus ihrem Körper herauspressen um dieses Leid nicht mehr ertragen zu müssen. Sie hatte den Mann erkannt.
Er sie nicht.
„Was? Was wollen sie?“, fragte er.
„Nein, neeein... du, du und die anderen... ihr habt ihn umgebracht, ihr habt meinen Mann umgebracht...“, schrie sie aus Leibeskräften.
„Sag mir nicht, sag mir nicht, DASS DU ES NICHT MEHR WEIßT, dass du es VERGESSEN HAST!“ Er wich zurück, seine Augen tasteten verwirrt die Frau ab.
„ES WAR HIER, GENAU HIER...voreinemJahrzweiMonateundundunddreiundzwanz igTagEEEEN... du Idiot, SAG MIR, DASS DU ES NOCH WEIßT!“ Sie griff in die Erde, welches das Blut ihres Mannes aufgesaugt hatte, grub die Fingernägel hinein und schleuderte sie ihm entgegen. Sie taumelte auf ihn zu, wahnsinnig vor Schmerz. Die Augen aufgerissen, den Mund verzerrt, den Finger ausgestreckt.
Ein Hauch der Erinnerung streifte den jungen Mann.
Die verschlingenden Augen der Frau nahmen es auf, ein grausames Lächeln zuckte in ihren Mundwinkeln.
„Jah... du weißt es noch, du weißt es....“, sank ihre Stimme. Ihr Finger sank, ihr Arm sank, ihre Schultern sanken, ihr Kopf sank. Ihr gesamter Körper schien von dem Regen herabgedrückt zu werden.
Plötzlich stürmte sie los, riss die Fäuste nach oben und ließ sie auf seine Brust prasseln, bis er ihre Handgelenke festhalten konnte. Hoch wie Grillenzirpern klang ihr Wimmern um sich ins bodenlose Tiefe zu stürzen.
„...Warum habt ihr das getan?“
Er schwieg.
„...Warum...“
Ihm fehlten die Worte.
„WARUM?!“
Seine Zunge zuckte wie ein Wurm in seiner Mundhöhle.
Er hatte keinen Grund, den er ihr nennen konnte.
Ihr Kopf schnellte vor, den Mund weit geöffnet.
Die Augen voller Tränen.
Als sie die Zähne in seinen weichen Hals grub und den Kehlkopf herausriss.

Und als sie dort in der dunkelroten, sämigen Pfütze saß und weinte, weinte und saß, so kauerte sie dort Tag um Tag... unfähig, sich von der Stelle zu bewegen, denn unfähig, ihre Weinkrämpfe auch nur für einen Moment zu unterbrechen. Lieber verharrte sie an dem Stückchen Erde, an dem sie saß und gab sich ihrer Verzweiflung hin. Und als der Hunger sie plagte, begann sie mit ihren Fingernägeln die Haut der Mannes abzukratzen, kaute sie auf ihm herum, dessen Blut sie sowieso schon geschmeckt hatte. Der für sie sowieso nicht mehr war, als ein Tier. Mehr noch, ein Monster.

Seit diesem Tag sitzt diese Frau dort und weint. Und frisst diejenigen, die versuchen, ihre Trauer zu stillen.
Sie weint, bis ihr jemand zu nahe kommt, packt ihn sich und tötet und frisst ihn... und weint dann weiter.

Was geschieht mit dem armen Reisenden? Die Zahnstumpen bohren sich in seine weichen Wangen, seine Augen sind weit aufgerissen, die gewölbten Brauen verschwinden unter seinen Haaren. Sein Atem streift die Wimpern der Frau, ihre Fingernägeln bohren sich schmerzhaft in seine tauben Schultern. Er kommt nicht mehr hoch, egal, wie sehr er sich wehrt, wie eine Fliege im Netz.
Sie lässt ihn wieder los.
Als er es den Leuten aus dem Dorf erzählt, kann es keiner erklären.
Vielleicht hat sie ihr eigenes abscheuliches Abbild in seinen Augen gesehen.
Vielleicht ist sie zu schwach geworden.
Niemand kann es erklären.
Die Wahrheit ist: Er hat Glück.
Seinen Gesichtszüge wohnt etwas inne, das genug die Erinnerung an ihren Mann weckt, um für einen winzigen Augenblick ihren wahnsinnigen Geist zu entnebeln.
Der Mann fällt hintenüber, die rötlichen Abdrücke der Zähne noch im Gesicht. Krabbelt weg, so schnell er kann. seine Hände schieben den prasselnden Kies weg und er entkommt.

Die Frau starrt stumm ins Leere, sie nimmt ihren Ärmel, stülpt ihn über ihre Faust und streicht sich über die Wangen um sie zu trocknen. Ein kurzer Moment der Ruhe, in dem sich in ihren Augen eine ferne Erinnerung spiegelt.
Irgendwo in einem Land, weit weg von hier, sitzt eine Frau am Wegesrand, auf einem Bett aus weißem Kies.
Und weint.
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