Es war einmal...

Nein, eher: So könnte es gewesen sein...

Kapitel 1: Winterweg

Einst lebte ein Mädchen mit schwarzen Haaren, welche sie immer unter einem rotem Cape versteckte, weshalb sie jedermann Rotkäppchen nannte. Selbst ihre Eltern nannten sie so und manchmal hatte das Mädchen Schwierigkeiten, sich an ihren richtigen Namen zu erinnern. Doch sie hatte einen und daran klammerte sie sich eisern fest, während sie die Böden der schäbigen Hütte putzte.

Und Rotkäppchen schrubbte und schrubbte, bis der ganze Boden nass und glänzend war. Sie kratzte die Kiesel und das Stroh aus den tiefen Kerben des Fußbodens. Vater und Mutter mussten den ganzen Tag arbeiten, weshalb Rotkäppchen die anstehende Hausarbeit erledigte. Sie war ein gutes Mädchen und wie die meisten guten Menschen wurde sie bis aufs Blut ausgenutzt, ebenso die Eltern. Sie waren keine schlechten, aber einfache Menschen. So bezahlten sie all die Steuern, die der Landvogt erhob. Und da die Vögte immerzu Geld für ihre Kleinkriege benötigten, schöpften sie von den ehrlichen, guten Menschen umso mehr, da sie diejenigen waren, bei denen es noch etwas zu holen gab.

Und so gab es Tag für Tag nur Brot und wässrige Suppe in dem kleinen Haus. Aber Rotkäppchen versteckte ihre hindurchscheinenden Rippen weiterhin brav unter dem rotem Cape. Sie tauchte die Bürste wieder in den Eimer.

Sie schrubbte und schrubbte, mit dünnen, aufgeschwemmten Fingern über das dunkle Holz und das Wasser schäumte in den Ritzen. Durch das nahe Fenster schien die Wintersonne herein und ein pappiger Schneeball schmolz an der von Eisblumen getrübten Scheibe. Die Kälte kroch zur Morgenstunde durch alle Ritzen. Aber das Holz lagerte ungeachtet dessen vor der Hütte, es wurde nur in besonders kalten Nächten verwendet. Denn ab und an mussten sie es verkaufen, wenn die Näharbeit ihrer Mutter oder die gelegentliche Arbeit ihres Vaters nicht genug Geld brachten um Steuern und Essen zu finanzieren.

Rotkäppchen schrubbte und schrubbte. Sie weinte nicht etwa oder war verzweifelt, denn sie hatte es nie anders gekannt. In seltenen Momenten schlich sich, gleich einem Sonnenstrahl, der Gedanke eines anderen, besseren Lebens in ihr Denken, aber schnell schoben sich wieder dunkle Wolken vor die Sonne. Sie wollte weiterschrubben, aber der Eimer war leer. Eine breite Wasserlache lief über den Boden, vereiste bereits an den Enden. Rotkäppchen erhob sich von ihren zerschrammten, blauen Knien und holte den Besen. Dann fegte sie das Wasser zur Türe hinaus. Kleine Atemwölkchen kreisten vor ihrem Gesicht. Ihr fiel ein, das sie auch neues Wasser für den Abort holen musste. Und so zog sie ihre Strümpfe etwas höher und ihr Kleid etwas tiefer, bevor sie in den breiten, weißen Schnee hinaus stiefelte.

Das Dorf lag mitten im Wald, umgeben von verzuckert aussehenden Bäumen. In diesem Licht erschienen alle Gesichter blass und vornehm zu sein, manchmal auch sanft gerötet vom eisigen Wind, als hätten sie lange getanzt.

Die Kälte fuhr Rotkäppchen in die Glieder und Schnee drang über die Ränder ihrer Stiefel. Nur schnell, nur schnell, dachte sie und kämpfte gegen den Schnee, der ihr bis an die Oberschenkel griff. Der Weg zum See war nicht weit, ein paar hundert Meter vielleicht, aber hier erschien die Strecke nicht in Metern sondern in kalten, frostigen Minuten. Und der Weg führte an dem Haus der Jäger vorbei. Es war eine der wohlhabenderen Familien im Dorf. Der Vater hatte eine innige Freundschaft mit einigen Beratern des Vogts und so die Erlaubnis in den Wäldern zu schießen, wann immer es ihm beliebte- Sodenn er einen bestimmten Betrag an den Vogt abtrat, natürlich. Und der Vater jagte gerne und gut, zu Weihnacht hatte er Rotkäppchens Familie einen Hasenbraten geschenkt. Es war ein sehr schönes Fest gewesen, Rotkäppchens Vater hatte ein paar Holzscheite in den Ofen geworfen und obwohl es keine Geschenke gegeben hatte, so hatten sie sich doch gefreut: Über den Hasen und über die Wärme.

Der Jäger hatte auch zwei Söhne: Angus und Leopold, zwei sehr verschiedene Brüder, auch weil sie verschiedene Mütter hatten. Die erste Frau des Vaters war eine Grande-Dame gewesen. Er hatte bei seinen Reisen durch die Lande in einem Wanderzirkus kennen gelernt. Rotkäppchen konnte sich noch vage an Angus Mutter erinnern: Sie war eine große, dicke Frau gewesen und sprach mit einer Stimme, die jedes anderes Geräusch verstummen ließ, trug ihre wallenden, blonden Locken wie eine Herzogin. Doch sie war verstorben, kaum einen Winter nach Angus Geburt. Wie viele andere auch hatte die Grippe sie hinweggenommen. Leopolds Mutter hingegen war ein scheues, freundliches Geschöpf gewesen. Es wurde viel über sie getuschelt, da sie so still war- dabei tat sie niemandem etwas. Und eines Abends hörte man Schreie und Schläge aus dem Haus der Familie Jäger. Da seit dem Tod seiner ersten Frau der Herr Jäger dem Wein eher zugetan war als Leopolds Mutter. Seit jenem Abend sah sie niemand jemals wieder. Ein halbes Jahr später stand ein Körbchen in der Stube des Jägers, als er gerade mit seinem Sohn zu Pferde zurückkehrte. Er wusste, das nur seine zweite Frau dieses Bündel gebracht haben konnte. Fragte man ihn danach, so sagte er, sie habe es verstanden, zu kommen und zu gehen wie es ihr beliebte und ohne das eine Menschenseele etwas davon mitbekam.

Und schon erhob sich das große, schöne Herrenhaus der Jäger vor ihr. Es ragte aus dem Schnee wie eine Burg aus dem Wald. Von fern wirkte es dunkel und gemütlich. Darin gewesen war sie jedoch noch nie. Der Platz davor war geräumt und viel Holz stapelte sich davor. So wie Rotkäppchens Eltern Holz verkaufen mussten, um Essen zu bekommen, verkauften die Jägers ihr Fleisch um Holz zu bekommen. Nur gespalten war es noch nicht, dies übernahmen die beiden Söhne, während der Vater ausser Haus war. Sie war dankbar für dieses kleine Stück Weg, in dem sie sich nicht durch den Schnee kämpfen musste. Sie stampfte auf den Boden, beinahe im Takt, in dem die beiden Äxte das Holz trafen. Angus hob den Kopf, als er das Klopfen vernahm, sein Gesicht war gerötet und rauchte in der kalten Luft. Selbst bei dieser Kälte trug er nur ein dickes Hemd, denn die Arbeit hielt ihn warm.

"Sieh an, da gefällt jemand unsre Musik und tanzt dazu!" Angus war genau wie seine Mutter: Blond, laut und mit einem ewigen Lächeln im Gesicht gesegnet. Ein Mädchen sagte nicht viel, deshalb dachte sie mehr. Und Rotkäppchen dachte sich, als sie so das große Haus und den leergeräumten Platz davor sah: Wäre der Jäger wirklich ein guter Mann, würde er nicht nur dafür sorgen, das sein eigenes Haus schneefrei wäre, sondern alle der ganzen Stadt. Und wäre er wirklich ein guter Mann, so würde er mit seinen hohen Freunden reden und dafür sorgen, das das ganze Dorf weniger Steuern zahlen muss. Anstatt sich damit zu begnügen, den Dorfbewohnern zu Weihnachten einmal jährlich ein gehäutetes und gewürztes Tier zu spendieren, von denen er sowieso genug hatte. So ist der Herr Jäger: Würde er dafür sorgen, das alle gleichberechtigt wären, wäre er nicht mehr HERR Jäger, sondern allenfalls DER Jäger. Und sie dachte sich: Ich weiß, Angus interessiert sich für ALLE Mädchen. Und er begattet alles, was nicht schnell genug wegläuft, er kann es sich ja leisten. Die Mädchen müssten ihm seiner Meinung nach geradezu dankbar sein.
Aber sie lächelte schüchtern, knickste in ihrem rotem Kleid.
"Und wenn es die Musik der Äxte ist, man kommt in diesem hartem Winter sonst nicht oft dazu, das Tanzbein zu schwingen." Angus schlug die Axt ins Holz und atmete und dampfte schwer. Wusste er denn, was sie mit "harter Winter" überhaupt meinte?
"Na, Rotkäppchen, wohin des Wegs?"
"Zum See, Wasser holen." Angus lachte und schüttelte den Kopf über die Dummheit eines einfältigen Mädchens.
"Viel Wasser wirst du nicht finden, Väterchen Frost hat alles starr werden lassen." Sie lächelte höflich und strich sich eine nasse Strähne unter das Cape zurück.
"Danke, dann werde ich eben etwas arbeiten müssen, wenn ich Wasser will – könnte ich mir vielleicht eine Axt leihen?" Er brach in Gelächter aus und verscheuchte damit die wenigen hier verbliebenen Vögel aus den Büschen und Bäumen des Umgebung. Die Wipfel wippten und entledigten sich ihres Zuckergusses, während die schwarzen Schatten gen Himmel stiegen.
"Aber das ist doch keine Arbeit für ein Mädchen! Komm doch rein, wir haben einen Brunnen im Innenhof." Das Mädchen erstarrte als rote Gestalt mit weißen Stiefeln und Beinen. Noch während sie dieses Gespräch führten, knetete sie ihre blauen Finger, noch schrumpelig von dem Schrubben um wieder etwas Leben hinein zu bringen. Mit Angus mitzugehen... sie wusste nicht, ob das eine gute Idee war. Der begann zu allem Überfluss auch noch zu Grinsen. "Hat unser Rotkäppchen etwa Angst vor dem großen, bösen, Jägerssohn?" Rotkäppchen bewegte immerzu die Lippen, wenn es nachdachte, weshalb man sie auch oft für etwas dümmlich hielt. Diesmal jedoch entsprangen ihren Lippen zu ihrer eigenen Überraschung Worte.
"Bei aller Liebe, aber ihr seid weder sonderlich groß noch furchteinflößend." Leopold, eine vermummte Gestalt im Hintergrund, der immernoch damit beschäftigt war, das Holz mit regelmäßigen Schlägen zu durchtrennen, hielt bei seiner Arbeit inne und drehte den Kopf. Vielleicht hatte er etwas im Wald gesehen, vielleicht aber betrachtete er sie auch durch den kleinen Spalt zwischen seiner Mütze und dem dicken Schal. Lieber Himmel... was sie gerade gesagt hatte, hatte es wirklich so verächtlich geklungen wie in ihren Gedanken? Angus ging auf interessante Weise damit um: Er ignorierte die Bemerkung fröhlich.
"Also, willst du nun hereinkommen oder nicht?", drängte er sie und trat näher. Sie presste ihre Lippen auf einander, als sich ihr folgendes aufdrängte: Angus, du hattest jedes Mädchen in diesem Dorf zwischen 17 und 50 Jahren... manche sogar noch darüber. Mich hattest du noch nicht. Und ich will nicht, das du mich bekommst. "Komm schon, es ist doch nur für ein paar Minuten, du kannst sofort nach Hause zurück, wenn du willst!" Sie war in der Zwickmühle. Vielleicht hatte man es ihrem blassen Gesicht angesehen, wie sehr sie mit sich rang und nach Hilfe suchend nach allen Richtungen blickte.
"Ich..." sagte sie leise und Angus blickte erwartungsvoll. Sie gab ihm einen Stoß auf die Brust und er fiel rückwärts auf den Bodenfrost und seine vier Buchstaben. "Ich muss los, wenn meine Eltern zurück sind, wollen sie sich ein geputztes Haus vorfinden, ich habe leider keine Zeit. Danke." Sie floh, zurück in die Kälte des Schnees, der an ihren Beinen aufspritzte. Aber es war noch vergleichsweise besser als das Schicksal, das sie in diesem Haus zu erwarten vermutete. Auch wenn ihre Lungen durch die schnelle Atmung schmerzten.

Der erstarrte Wald empfing sie und sie verlangsamte. Einzelnes Krächzen der Raben drang durch die weiße Stille. Wenigstens lag der Schnee hier nicht so hoch wie im Dorf, denn die Bäume trugen eine beträchtliche Last der weißen Masse. Auch war er fester und die Schneedecke trug ihr leichtes Gewicht.
"Warte!" Und wie ein Wecker begann ihr Herz plötzlich zu rasseln. Sie drehte schnell den Kopf, lief schneller durch den Schnee und erkannte schließlich, das es sich nicht um Angus, sondern um Leopold handelte. Vermutlich, denn man sah sein Gesicht nicht wegen des langen Mantels und der Winterklamotten. Im selben Moment kippte die Welt um sie herum und mit einem unterdrücktem Schrei landete sie, Gesicht voraus, im beißenden Schnee. Das Mädchen steckte bis zu den Ellenbogen darin, biss die Zähne zusammen und kam strampelnd wieder auf die Beine. Um sie herum die schwarzen Bäume, ihre dürren, blattlosen Äste wie Finger, die nach dem blassen Himmel griffen. Leopold jedoch hatte sie bereits eingeholt, als sie ihre Hand nach dem nächsten Ast vor sich ausstreckte um sich vollends aufzurichten. Ohne es zu merken war sie in dem dichten Schnee in die schmale Rinne gelaufen, die den See speiste. Er packte sie am Arm.
"So warte doch!"

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