Kapitel 1 – Nur ein Unfall

Es war schnell in allen Nachrichten: Ein furchtbarer Autounfall in den auch ein 20-jähriger Jurastudent verwickelt war...
Man sah das Blaulicht des Notarztes, einen zerschmetterten Wagen, dessen gefaltete und zerknitterte Haube in einem Baum steckte und hastige Sanitäter, die eine Trage in das Innere eines weiß-roten Wagens schoben. Die Türen wurden klappend geschlossen und mit einem Schubser setzte sich das Vehinkel in Bewegung. Im Inneren des Wagens, das von piepsenden Geräten und Leuten in weißen Jacken erfüllt war, setzte Paul Lords Herz aus.

Paul sah das helle, wunderschöne Licht auf sich zukommen, es erfüllt sein Blickfeld mit wirbelnder Helligkeit und seinen Kopf mit seliger Schönheit. Seine Glieder wurden wundervoll warm, es war, als lösten sich alle Schmerzen und alle Schwere aus seinem Körper...
Als ein überdimensionales Freizeichen ertönte.
"Entschuldigen sie die Wartezeit... sie werden so schnell wie möglich weitergeleitet", säuselte eine engelsgleiche Stimme. Paul starrte in das gleißende Licht.
"Was...?"

Als er erwachte, stand er. Er blinzelte und schlug die Augen auf. Der Raum, in dem er stand war weiß. Wände, Decke, Boden, alles erstrahlte in blendender Helligkeit. Er konnte nicht feststellen, wo das Licht herkam oder ob es überhaupt Licht gab, denn es gab nirgendwo Schatten, ausser unter seinen Füßen. Abgesehen davon gab es in diesem Raum kein Anzeichen einer Decke oder Wänden. Er fühlte sich irgendwie orientierungslos. Er wusste nicht einmal, ob er einfach fallen würde, wenn er einen Schritt nach vorne tat. Er spürte eine Anwesenheit am Hinterkopf und drehte sich um.
Dort stand ein Mann im schwarzen Anzug und mit einem Klemmbrett. Der Mann sah... krank aus. Seine schwarzen, längeren Haare waren stumpf und sahen zerrupft aus, unter seinen Augen waren graue, dicke Ringe und er war so bleich, dass sich sein Gesicht kaum vom Hintergrund unterschied. Er murmelte und las dabei.
"Aha... da sind sie ja. Paul Lord, Triebtäter, 34 Jahre..." Paul zeigte fragend auf sich.
"Was, ich? Ich bin kein Triebtäter!"
"Jaja, das sagen sie alle, sie..." er verstummte, musterte nochmals genauer sein Klemmbrett. "Oh, mein Fehler. Paul Lord, Unfallopfer, akute Sinnlosigkeit. Akute Sinnlosigkeit? Oh mann, wieder einer von DER Sorte..." Seine Stimme klang wie akustischer Schleim. Der Typ schien mit sich selbst zu reden. Er beachtete Paul gar nicht mehr, er schien ganz in sein Klemmbrett vertieft. Als eine gute Minute später immer noch keine Antwort oder ein anderes Lebenszeichen von dem Typ kam, wurde Paul ungeduldig.
"Kann mir mal einer erklären, was das hier eigentlich SOLL?", meinte er und sah sich in dem Un-Raum um. "Wo bin ich überhaupt?" Endlich hob sein Gegenüber den Kopf und musterte ihn.
Als wäre Paul eine Schmeißfliege und er hätte die Fliegenklatsche noch nicht gefunden.
"Ganz einfach. Du bist in der Hölle."
"WAS?"
"Wenn du mich ausreden lassen würdest...!", knarzte der Typ. "Genauer gesagt in der Verwaltung der Hölle, also in der Vorhölle. Oder im Vorhimmel, wie mans nimmt." Pauls Mimik drückte "???" aus. Der Kerl seufzte. "...Aaalso, ganz von vorne:

Guten Tag/Abend, mein Name ist Goethe. Dies ist nicht mein richtiger Name, es ist ein Deckname. Frag nicht wieso, akzeptiere es einfach." Paul nickte langsam. "Willst du dich nicht auch vorstellen?"
"Aber du kennst meinen Namen doch..."
"Ist nur fürs Protokoll. Ääähm", meinte er gedehnt. "Machs einfach." Dies schien einer von Goethes Lieblingssätzen zu sein. Paul runzelte die Stirn, beschloss aber vorläufig nicht zu widersprechen.
"Guten Abend, mein Name ist Paul Lord...?"
"Schön. Du musst wissen: Ich arbeite hier. Das "Hier" definiere ich später noch genauer", er schnitt Paul das Wort ab, bevor dieser den Mund öffnen konnte. "Hör einfach zu. Mein Beruf ist es, sich um Leute zu kümmern.
Normalerweise um Schwerverbrecher, Selbstmörder und andere kranke Seelen- keine Sorge, du gehörst nicht dazu." Paul klappte wieder den Mund zu. Er beschloss, einfach weiterhin zu schweigen, da Goethe ihn sowieso nicht ausreden ließ. "Dies hier ist das Vorzimmer zur Hölle oder zum Himmel. Hier wird entschieden, durch welches Türchen du gehst. Wenn du in den Himmel kommst, hattest du eine korrekte und halbwegs normale seelische Entwicklung. Ich betone "halbwegs"! Man kommt in die Hölle, wenn man seelisch im Unreinen ist. Hjaaaaa?", meinte Goethe genervt, als Paul die Hand hob.
"Und was ist aus den feurigen Tiefen der Verdammnis geworden?", fragte er. Es war das erste Mal, dass Goethe lächelte, es war ein kaltes Lächeln und Paul kam sich auf einen Schlag wie ein dummes, unwissendes Kind vor.
"Ich bitte dich. Schmerz und Pein sind völlig veraltete Mittel, heutzutage setzt man Psychologie ein." Paul lief es kalt den Rücken runter, als er das Wort aussprach. "Wie gesagt, normalerweise kümmere ich mich um vom Weg abgekommene Seelen... aber du bist eine Ausnahme." Er hob das Klemmbrett hoch. Paul runzelte die Stirn und trat näher. Er nahm den Block aus seiner bleichen Hand und las darin.

Paul Lord
20 Jahre
Größe: 177 cm
Gewicht: 76 Kg
Augenfarbe: Blau, Stufe 9
Haarfarbe: Aschblond
...

"Wenn du weiterblättern würdest", hüstelte Goethe. Paul tat wie ihm geheißen. Es folgten Zeichnungen, die wohl seine DNA Strukturen beschrieben, Kindheitserinnerungen, Ziele, Träume -sehr intime Träume-... Er schlug den Block zu. Und errötete leicht.
"Was ist das?"
"Deine persönliche Akte. Sie stammt aus dem Beobachtungsabteil der Verwaltung." Paul gefiel es gar nicht, dass irgendwelche Leute aus irgendeiner Abteilung wussten, was immer passiert war, wenn er von großen, nassen Teichen geträumt hatte, als er klein war. Goethe musterte ihn kurz. Und am wenigsten gefiel ihm, dass dieser aus der Gruft entstiegene Finanzbeamte davon wusste. "Aber der wichtigste Eintrag in deiner Akte ist dieser hier." Er schob einen langen, knochigen Finger über das Blatt und tippte auf eine kleine Schrift am Ende des Blattes.

Herzstillstand

Paul sah ihn erschrocken an.
"Bin ich... tot?"
"Rein theoretisch... Nein. Du bist hier zu Vorsorgeuntersuchung." Paul kniff die Augen zusammen.
"In Ordnung. Bis eben meinte ich noch im Ansatz zu verstehen, was hier eigentlich los ist... Welche Vorsorgeuntersuchung. Und WOZU?"
"Ganz einfach. Du hattest diesen Autounfall", er sagte das eben so dahin, als wäre es etwas läppisches, das tagtäglich passierte.
(Anmerkung: Nun... eigentlich passiert es tagtäglich...) Aber Paul zuckte zusammen, als er sich erinnerte.
"Ja..." er hatte ein sehr mulmiges Gefühl in der Magengegend.
"Und wurdest du hierher weitergeleitet, von der Verwaltung. Aber du kommst weder in den Himmel, noch in die Hölle. Du bleibst ein Weilchen hier und wirst dann zurück geschickt."
"Und warum bin ich dann hier?"
"Nun, es liegt im allgemeinen Interesse der Hölle AG, dass so wenig Seelen wie möglich in die Hölle kommen. Und deshalb wird jede Möglichkeit genutzt um dies zu verhindern. Und da du gerade sowieso hier bist, versuchen wir deine bisherigen Probleme zu lösen."
"Ich komme vielleicht in die Hölle?"
"Vermutlich."
"Aber ich hab doch gar nichts Schlimmes gemacht!"
"Es geht nicht direkt um... Schuld. Du bist nur leider einer jener Menschen, die ALLES in Frage stellen. Und wenn das so weiter wuchert, ohne dass du Antworten bekommst, wirst du vielleicht eines Tages zum Selbstmörder- erdrückt von der Sinnlosigkeit deines Seins." Das Zuknallen des Blocks, der auf das Klemmbrett geklemmt war, untermalte seine Worte auf dramatische Weise.
"Akute Sinnlosigkeit", murmelte Paul und wiederholte damit, was Goethe vorhin erwähnt hatte.
"Schlaues Kerlchen. Also..." Goethe presste die Hände auf die Ohren.
Im Hintergrund ertönte eine Blaskapelle und Feuerwerkskörper sprangen aus dem Nichts. Konfetti und Luftschlangen fielen von der nicht vorhandenen Decke und von oben entrollte sich ein Transparent mit der Aufschrift:

STELLE DEINE FRAGEN!!!


"Oh wie ich das hasse...", meinte Goethe und klang dabei wie ein Schwerstdepressiver. "Das machen sie immer, um den Patienten die Angst zu nehmen. Aber mir MACHT das Angst" er schnipste Konfetti von der Schulter. Paul blinzelte langsam.
"Mir auch..."
"Also?" Stille kam von Pauls Seite. Er sah auf seine Füße, zur Seite...

Goethe begann mit dem Fuß zu tappen. "Alsooo?"
"Mir fällt nichts ein", meinte er kleinlaut. Goethe blieb wider erwarten ganz ruhig.
"Was solls, wir haben ja Zeit. Kennst du den Spruch: Eine Woche ist in der Hölle ist wie Sieben Jahre? Da ist was dran." Paul drehte den Satz im Mund herum.
"Mein Herzstillstand dauert schon mehrere Wochen...?"
"Und du schimpfst dich Student? Sieben Jahre sind nur eine Woche in der Hölle." Paul rieb sich den Kopf.
"Ich finde, das ist ziemlich zweideutig, das kann man schon falsch verstehen."
"Nein.", meinte er.
"Hm, doch"
"Nein."
"Doch"
"Neeein"
"Dooooch"
"Nein", flüsterte Goethe
"Doch", meinte Paul
"Nein"
"Doch"
"Siehst du JETZT, was ich mit "dauernd hinterfragen" meine?", greinte Goethe.
"Jaja, okay..." er überlegte. "Wenn die Hölle nur eine riesige Psychatrie ist, was befindet sich dann im Paradies?"
"Ein Vergnügungspark."
"Mehr nicht?"
"Es ist ein... sehr toller Vergnügungspark." Goethe wirkte nicht gerade begeistert, er zuckte mit den Schultern.
"Hm... irgendwie enttäuschend."
"Darum wählen auch die meisten pensionierten Seelen wieder einen Beruf."
"Wie du?" Goethe antwortete nicht. Paul sah ihn fragend an.
"Ich bin aus... anderen Gründen hier, aber ja, so ähnlich."
"Aha und... welche Rolle spielt Gott dabei?"
"Über den Chef wird nicht geredet."
"Aber"
"Über den Chef wird nicht geredet."
"Verstehe..." er war nur kurz still. "Wieso?"
"Nur so viel: Als das letzte Mal ein Therapeut etwas in der Richtung verlauten ließ, folgte der Kreuzzug gegen Jerusalem. Tausende sinnlose Morde. In der Hölle war die Hölle los." Goethe zeigte nicht einmal den Ansatz eines Lächelns.
"So? Was hat er denn gesagt?"
"Gegenfrage: Für wie blöd hälst du mich?" Paul lächelte. Ein Bisschen. "Sonst noch Fragen?"
"Ja. Wie kommt es, dass im Himmel und in der Hölle unendlich Platz ist für all die Seelen?"
"Falsche Frage. Es ist nicht genug Platz für alle da." Paul sah ihn groß an.
"Wie meinst du das? Wo gehen die Seelen hin?" Goethe sah ihn an.
"Wenn sie genesen sind, genug vom Himmel haben oder ihrem Beruf... kehren sie auf die Erde zurück."
"Als Geister?"
"Nein, als Reinkarnationen."
"Es gibt kein ewiges Leben?"
"Doch. Es... wiederholt sich nur immer wieder."
"Was ist der Sinn des Lebens?"
"Den Sinn des Lebens zu finden." Paul zuckte zusammen. Es war ein gewaltiger Schock, der durch seinen Brustkorb fuhr. Er ging in die Knie.
"Was war das?"
"Ich nehm mal an, deine Rückfahrkarte. Die Reanimation. Ich mag diese Elektroschocks, es sieht immer so lustig aus, wenn es die Leute zurück ins Diesseits zieht." er kicherte diebisch.
"Ich habe..." wieder ein Stoss. "Noch eine Frage." Goethe hatte die Arme hinter dem Rücken verschränkt.
"Ach? Also an deiner Stelle würde ich mich beeilen."
"Was ist mit den... Dämonen passiert?" Goethe starrte ihn an. Wieder ein Stoss. Keine Antwort. "Goethe?"
"Ich fürchte, deine Zeit ist abgelaufen" Der dritte Stoss holte Paul Lord ins Leben zurück.

Einen halben Tag später erwachte Paul wieder. Das Krankenzimmer war steril und leer. Nur Pauls Eltern saßen am Bett. Er lächelte schief. Noch kurz quollen Erinnerungen gegen sein Bewusstsein, wie ein verrückter Traum. Zurück blieb nur das Gefühl, etwas sehr Wichtiges zu wissen. Auch wenn er sich nicht daran erinnerte.

Kapitel 2 – Ich sehe dich

Lena Burgmann hatte ihr Haar kurzgeschoren, sodass es wie Fell aussah. Sie presste die Schultasche auf den Leib und trat nach Georg, der sich bemühte ihr eben diese Tasche abzunehmen.
"Komm, gib her. Ich will sehen, was Hexen in ihren Taschen aufbewahren." Lena knurrte ihn an und lief weiter. Doch er holte sie ein, zwickte sie in die Seiten. In dem Moment, als sie quiekend zusammenfuhr, schnappte er sich ihre Tasche und wedelte damit herum.
"Gib die her!" Er grinste nur breit. Der Gang war inzwischen leer, die anderen Schüler waren längst im Unterricht.
"Ne." Lena greinte und ballte die Hände zu Fäusten, im Angriffsmodus stapfte sie auf ihn zu- nur dass sie leider an ihrer Stirn von seinem ausgestreckten Arm zurückgehalten wurde. Er drückte sie zurück, auf die ungenutzten Schließfächer zu. So überrumpelt stieß sie mit dem Rücken gegen das Innere des Spinds und funkelte ihn an. Das letzte, was sie sah war Georg, der ihr ihre Tasche in den Arm drückte und den Spind zuknallte. Es ratterte, als das Schloss einrastete. Georg lachte sich noch weitere 2 Minuten über ihre Flüche und ihre Befreiungsversuche schlapp, bevor auch er in den Unterricht ging.

Lena war nun allein im Spind. Es war unheimlich eng und klein, sodass sie den Kopf schief legen musste. Sie spürte jetzt schon, wie sich ihre Nackenmuskeln verkrampften. Sie drückte die Knie gegen das Innere des Spinds um ihren Kopf zu entlasten und sich etwas mehr Freiraum zu verschaffen. Tatsächlich sank sie fast bis auf den Boden. Wie sie aus dieser Position, den Rücken eingeklemmt zwischen Knien und Spindtüre, wieder herauskommen wollte, überlegte sie sich nicht. Sie hämmerte gegen das Innere des Spinds.
"Haaaallooooo!", rief sie durch die Spalten des Schließfachs, durch die Licht und Sauerstoff hereinströmten. Sie packte eine unglaubliche Wut auf diesen Kerl. "HALLO!", Warum hörte sie keiner? Ich muss hier raus, dachte sie. Irgendwie...

Im Klassenraum schlenderte der Lehrer derweil zwischen den Bänken entlang. Gespenstische Stille herrschte, man vernahm nur das leise Klicken von lauter Kugelschreibern, Bleistiften und Füllern auf Papier. Ein Hund hätte dazu noch den Angstschweiß von 28 Schülern vernommen, die nun bei ihren Klausuren saßen. Die Türe ratterte leise, öffnete sich.

"Reinkommen und setzen", bedeutete der Lehrer Georg nur. Er tat wie ihm geheißen, schob einen Stuhl zurück und setzte sich. Er drehte den Blätterstoß herum, der an der oberen Ecke seines Tisches lag und musterte die Aufgaben. Dann begann auch er zu schreiben.

Lena versuchte durch mehrmaliges Rutschen ihre Position zu verbessern, aber der Schmerz an ihrem Rücken verschwand nicht, er wanderte nur. Lena versuchte ruhig zu atmen, aber selbst das gelang ihr nicht. Es ging nicht! Sie musste wieder aufstehen. Sie presste sich aus der sitzenden in die stehende Position, aber dieses Gefühl, dass sich etwas um ihren Kopf legte und langsam, aber immer stärker zudrückte, verschwand nicht. Wie eine Anaconda umschlang die Panik ihren Brustkorb.
"HILFE, KANN MIR JEMAND HELFEN?!" Ihr Ruf verklang in dem leeren Korridor. Vielleicht nahm irgendjemand in den Klassenräumen ihr Schreien wahr, aber es war so undeutlich, dass es die Schüler als das allgemeine Rumoren vom Sportplatz abtun mussten.

Und Georg schrieb seelenruhig seine Klausur. Der Klassenraum war gut genug beleuchtet, nur im hinteren Teil flackerte eine Neonleuchte. Draussen vor den großen Fenstern war es noch dunkel. Der frühe Morgen wirkte wie ein Mauer auf den Raum, es wirkte als säßen sie in einem Bunker, tief unter der Erde.

Lenas Hände kramten in ihrer Schultasche herum, die Stifte fielen rasselnd auf den Boden. Ab und an klatschte ein Buch herunter, bis sie ihren Zeichenblock in den Fingern hatte. Und mit fahrigen Bewegungen, die von Panik bestimmt waren, begann sie zu kritzeln.

Georg spürte allmählich die Anspannung der restlichen Klassenkameraden. Seine Hand fuhr immer wieder seinen Nacken entlang, er sah sich fahrig in dem Raum um, nur kurz, um nicht wegen Abschreibens verdächtigt zu werden. Er versuchte sich auf das Blatt zu konzentrieren, glitt mit dem Blick aber immer wieder daran vorbei. Er blickte kurz über die Schulter.
Seltsam, er meinte jemandes Blick im Nacken gespürt zu haben. Aber jeder andere starrte nur auf sein eigenes Blatt.
"Georg, dreh dich um.", wies ihn der Lehrer zurecht. Georg sah schnell wieder auf sein Blatt. Wieviel Uhr war es wohl? Bei welcher Aufgabe war er doch gleich? Er musste sich konzentrieren! Wieder rieb er sich den Nacken und wieder schnellte er herum. Niemand sah ihn an. Wollten die anderen ihn etwa verarschen?
Nein, ganz ruhig.
Er fesselte seinen Blick auf das Blatt Papier. Aber die Buchstaben verschwommen vor seinen Augen. Er kniff sie zu und rieb sie. Täuschte er sich, oder was waren das für seltsame Punkte in den o´s ? Er sah genauer hin. Das waren kleine Augen, kleine, comichafte Augen. Die Pupillen der Buchstaben wanderten von links nach rechts, diagonal nach oben und unten, hoch und nieder.
Und dann starrten sie alle in seine Richtung. Georg schreckte auf. Seine Klassenkameraden murrten ärgerlich, aber sie waren zu sehr mit der Klausur beschäftigt. Er bemerkte es nicht, er war von dem Anblick gefesselt. Aber halt, nein: Es waren keine Buchstaben mehr zu sehen, das waren lauter kleine Augäpfel, in verschiedenen Größen, Formen, Farben...
Er konnte das Blatt nicht mehr lesen.

Und die anderen, sie starrten ihn an, er merkte es doch. Schweißgetrieben blickte er sich um. Aber immer wenn er über das Gesicht eines Klassenkameraden fuhr, senkte dieser schnell den Kopf. Oh diese hinterhältigen kleinen Heuchler. Georg blinzelte immer heftiger, bemüht einen der Leute zu ertappen. Er keuchte.

Der Lehrer schritt noch immer gepflegten Schrittes zwischen den Tischen hindurch. Alle schrieben, manche ängstlich, andere vollkommen in ihre Arbeit vertieft. Die dritte Gruppe schlug die Hände über den Kopf zusammen und starrten mit gerunzelter Stirn auf den Text. Er bemerkte einen leeren Stuhl in der hintersten Reihe.
"Weiß jemand von euch, wo Lena ist?", fragte er in die Runde. Das Kreischen eines Stuhls auf Linoleum unterbrach ihn. Georg war aufgestanden, hatte die Hand erhoben.
"Ich weiß wo sie ist, lasst ihr mich dann gehen? Sie ist in dem Spind Nummer 284." Der Schweiß lief ihm in Strömen herab. "Und jetzt, lasst mich in Ruhe, lasst mich in..." Ein paar Schüler hoben verwundert den Kopf. Es war, als hätten sie ihm Säure ins Gesicht gespritzt: Voller Qualen hielt er die Hände vors Gesicht. "SEHT MICH NICHT AN, SEHT MICH NICHT AAAAN!"
Ein dumpfer Schlag, als Georg umfiel.
Stühle rutschten über den Boden, Schüler erhoben sich um nach ihm zu sehen. Sein Gesicht war Rot und nass, als hätte er einen Marathonlauf hinter sich. Er war ohnmächtig.

Lena holten sie ungefähr eine Viertelstunde später aus dem Spind, als man den Hausmeister und eben jener das richtige Werkzeug gefunden hatte. Ein paar Schüler hatten sich um ihn herum versammelt, nicht viele, mehr hatte der Lehrer, der sich um Georg kümmerte, nicht erlaubt. Das Brecheisen wurde zuerst in den Spalt zwischen Nachbarspind und Angel geschoben und dann zog der Hausmeister. Lena, vor Platzangst in der engen Metallbox beinahe verrückt geworden, war unglaublich erleichtert und wurde sofort von der Schulkrankenschwester verschleppt, wo sie im Krankenzimmer wenig später einschlief. Noch etwas seltsames sollte hierzu bemerkt werden: Nicht nur Lena kippte aus dem Schrank, auch viele, viele Zeichenblätter, manche zerrissen in kleine Stücke: Und auf jedem einzelnen prangte ein gezeichnetes Auge.

Kapitel 3 – Der traurige Papagei

In der Verwaltung des Jenseits/ Beobachtungsabteilung:

Da Vinci saß in einem dunklen Raum. Sie hatte große, hellbraune Augen, die unentwegt auf die Fernseher starrten, die vor ihr wahllos aufeinander getürmt waren. Die meisten Bilder, die abgespielt wurden, hatten eine sanfte blaue Tönung wie von Überwachungskameras, flackerten, als kämen sie aus einer großen Entfernung oder zeigten nur Schneegestöber.
Sie bewegte sich kaum in ihrem großen, schwarzen Sessel, hatte die Hände und Ellenbogen auf die Lehnen und die Beine übereinander gelegt. Ausser diesen Bildschirmen gab es keine Beleuchtung in diesem Raum. Auch konnte man nicht feststellen- was auch an der durchdringenden Dunkelheit liegen mochte- wo der Raum begann und wo er aufhörte. Man vermutete nur wage hinter dem Sessel eine Türe.
Sie blinzelte nicht. Wenn man es nicht besser wusste, konnte man annehmen, die Fernseher zeigten nur wahllos irgendwelche Videos. In den meisten sah man eine einzelne Person auf weißem Hintergrund. Manche liefen fragend hin und her, andere hatten sich hingesetzt, manche lagen, ihre Knie umarmend in der Fötusstellung auf dem Boden. Andere Fernseher zappten wahllos herum, ein Mann beim Angeln, ein Mädchen in der Schule, ein Jugendlicher, der auf einem Hochhaus stand und in die Tiefe blickte...
Da Vinci nahm einen kleinen Block und verfasste eine Notiz. Das Bild sprang weiter.
Hinter Da Vinci herrschte Dunkelheit. Goethe trat daraus hervor, selbst in dem faden Licht konnte er nicht kränklicher aussehen als ohnehin.
"Hallo, Da Vinci", meinte er und lehnte sich an den Sessel, während sein Blick die Fernseher abtastete.

"Hallo, Goethe.", meinte sie.
"Weshalb wolltest du mich sprechen?"
"Dein nächster Patient ist angekommen", ein Fernseher flackerte und zeigte das Bild eines Mädchens, das auf dem weißen Boden des unendlichen Raumes saß. Goethe beugte sich etwas vor und sah genauer hin.
"Aha, ich nehme an, ich kann mir am Empfang gleich ihre Akte abholen, oder?"
"Exakt." Goethe brummte zustimmend. "Ich hab ihnen gesagt, dass du die von mir beobachtete Seele bekommst. Du meinst ja immer, ich hätte eine besonders gute Beobachtungsgabe."
"Gut oder schlecht kann ich nicht sagen, deine Art Dinge aufzuschreiben hat nur eben den Vorteil, besonders objektiv zu sein..." Und selbst wenn er sich zerreissen müsste: Goethe konnte keine Komplimente machen. Da Vinci nahm es gelassen hin. Die Beobachtungsabteilung diente als kontrollierendes Element in der Verwaltung, gleichzeitig teilte sie die Seelen dem Himmel oder der Hölle zu.

Nicht jeder war dafür zugelassen, nur weil er vielleicht als Lebender täglich 9 Stunden vor dem Fernseher gesessen hatte. Da Vinci hingegen hatter sich sofort beim ersten Anlauf qualifiziert. Zwar vermittelte sie Patienten auch an andere Therapeuten, aber trotzdem waren sie und Goethe seit vielen Jahren ein eingespieltes Team. Da Vinci zeichnete sich durch eine einzigartige Beobachtungsgabe aus: Sie merkte sich, was die Menschen tatsächlich taten. Ohne zu interpretieren und ohne persönliche Meinung. Auch wenn es sich einfach anhörte- nur die wenigsten Menschen beherrschten dieses Talent so perfekt wie sie.

Goethe hingegen zeichnete sich durch kein besonderes Talent im Umgang mit Patienten aus, er hatte nur eine furchtbare Art von Autorität, die an einen besonders scheußlichen Mathelehrer erinnerte. Im Gegenteil sogar: Goethe schien einer der miesesten Therapeuten zu sein. Er war offensichtlich von seinem Job angeödet, unhöflich, desinterssiert und hatte seine Ausbildung gerademal knapp bestanden. Nun tippte er auf eines der Fernsehgeräte: "Sag mal, das ist doch keine Ansicht einer Überwachungskamera...", näselte er und hob die Brauen. Ein leises Lächeln umspielte Da Vincis Lippen. Der Bildschirm zeigte eine Talkshow. "Sowas schaust du dir an?"
"Auch ich brauche etwas Unterhaltung." Goethe sah sie unverständlich an.
"Ich mach mich dann mal an die Arbeit..."

Das Mädchen sah ihn aus überdimensionalen Brillengläsern an. Und Goethe starrte zurück, fasziniert und gleichzeitig schockiert. Er vergaß ganz in seiner Akte zu blättern. Durch das Glas wurde ihre Regenbogenhaut wie durch eine Lupe vergrößert. Er konnte jedes einzelne Pigment erkennen. Sie blinzelte mit langen Wimpern. Goethe starrte noch immer.
"Ist...ähm... alles in Ordnung bei ihnen?"
"Ja...", sagte er wie gelähmt. "Ähm. Entschuldigung.", für einen Moment wirkte er doch tatsächlich pikiert. "Dein Name ist Gabriella, nicht wahr?", sie nickte. "Gut. Mein Name ist Goethe, ich bin dein Therapeut. Du bist hier in der Hölle, aufgrund..." er sah auf seinen Block. "...misslungenem Selbstmordversuch?" Er las es leise, wiederholte es dann lauter. "Interessant. Wie kann ein Selbstmordversuch, bei dem man stirbt misslungen sein?" Gabriella sah sich um. Sie schniefte leise.
"Ich wusste es ja... Selbstmörder kommen in die Hölle und jetzt, was passiert jetzt mit mir?" Ihre Unterlippe zitterte und ihre großen, feuchten Augen wurden noch feuchter.
"Reg dich nicht auf, keiner will dir weh tun...", sagte er. Das war der falsche Kommentar. Dies konnte vielleicht daran liegen, dass er diesen Satz mit so wenig Begeisterung hinklatschte, mit der anderen "ich schreibe die Steuererklärung", sagten.
Sie brach sofort in Tränen aus. Tränenflüssigkeit strömten ihr das Gesicht herab, sie schluchzte hingebungsvoll. Goethe verdrehte die Augen. Er schnipste mit den langen Fingern, was sich anhört, als schlüge man zwei Knochen gegeneinander. Ein großer, plüschiger Sessel erschien. Er rutschte vor und knallte gegen ihre Kniekehlen. Mit einem unterdrückten Schrei landete sie in der flauschigen Sitzfläche. Das Möbel stoppte vor Goethes polierten Schuhen. Er drückte ihr zeitgleich einen rosa Teddy in die Arme. Sie sah ihn erschrocken an, mit 10 multipliziert durch ihre Brille. "Tu dir keinen Zwang an. Heul dich ruhig aus.", sagte er trocken und ohne die Miene zu verziehen. Ihre Miene drückte wage Angst aus. Er zog eine Dose hinter dem Rücken hervor. "Keks?" Ganz vorsichtig hob sie die Hand, zog einen mit Zuckerkrümeln bestreuten Keks heraus und begann daran zu kabbern. Ihre Augen fixierten ihn noch immer. Hinter Goethe erschien ein schmuckloser Stuhl, er setzte sich und presste die Fingerspitzen gegeneinander. Sie kaute langsam auf ihrem Keks herum. Lange Zeit blieb es still. "Hast du dich wieder beruhigt?"
"Ja", murmelte sie. "Krieg ich noch einen Keks?" Goethe hob ihr die Dose hin.
"Bedien dich. Währenddessen erkläre ich dir, was hier passieren wird." Und so erklärte er ihr, was er schon Paul erzählt hatte. Weshalb sie in die Hölle kam: Nicht wegen Schuld, sondern wegen eines ungelösten Problems.
"Also kümmerst du dich jetzt um mich?"
"Ja... sozusagen.", gab er widerstrebend zu. "Fürs Erste...aber bild dir nichts drauf ein." Und er schnipste wieder. Die Lehne des Sessels klappte nach hinten und Gabriella wurde in die liegende Position geklatscht. Sie starrte an die nicht vorhandene weiße Decke über ihr und sah, wie Goethes Gesicht in ihr Blickfeld rückte. "Und jetzt... erzähle mir aus deinem Leben." Stille herrschte.
"Mir fällt nichts ein..."
"Ich könnte ja jetzt so tun, als würde mich das überraschen...", murmelte er mit einem unlustigem Grinsen. "Keine Angst, wir haben alle Zeit der Welt." Gabriella musterte den schwarzhaarigen Therapeuten. Er sah genauso müde aus, wie sie sich fühlte. AUch wenn er das Interesse nur vortäuschte, schien er bereit zu sein, ihr zuzuhören. Sie glubschte nochmals hinter ihren 10 Dioptrin-Gläsern hervor.
"Alles begann damit, dass ich geboren wurde..." Goethe unterdrückte einen Seufzer.

Gabriella war das mittlere von 7 Geschwistern
Sie lebte in der Ukraine
Dort ging sie auf die Schule einer großen Stadt
Sie litt häufig an Krankheiten
Sie wurde oft von Mitschülern gemobbt
Schon im frühen Alter hatte sie geplant, sich umzubringen, es aber bis dato nie vollbracht

Gabriella bemerkte die Veränderung in Goethes Gehabe nur schleichend. Er schien weniger zuzuhören. Sie suchte seinen Blick.
"Ähm... was meinst du dazu?", meinte sie ohne Zusammenhang.
"Ja, ganz toll.", sagte er und starrte mit leerem Blick durch sie hindurch. "Und wie empfindest du dabei?" Sie setzte sich auf.
"Du hörst mir gar nicht zu?"
"Doch, tue ich wohl." Er starrte noch immer ins Leere.
"Und was habe ich dich grade gefragt?" Er hob leicht den Kopf.
"Hm? Hast du was gesagt?"
"Du hörst mir nicht zu!"
"Ach, kann sein. Dein Leben ist aber auch sowas von langweilig.", brummte er. Mit Zeige- und Mittelfinger angelte er einen Keks aus der Dose. Gabriellas Unterlippe zitterte.
"Das ist gemein. Soll ich dir etwas Interessanteres erzählen? Ich kenne viele Witze. Die meisten davon sind lustig."
"Hm. Okay. Erzähl." Gabriella kniete auf die Sesselliege und presste die Hände aufeinander.
"Also... ein Mann läuft durch eine Stadt und trifft ein wunderschönes Mädchen. Er fragt sie: Mein Kind, wie heißt du denn? Sie antwortet ihm: Ich heiße Tulpe, weil mir bei der Geburt eine Tulpe auf den Kopf gefallen ist. Er geht also weiter und trifft ein Mädchen, das noch viel schöner ist und wieder fragt er sie nach ihrem Namen und sie antwortet: Ich heiße Rose, weil mir bei der Geburt eine Rose auf den Kopf gefallen ist. Und er geht wieder weiter, bis er eine dritte Frau trifft, die aber ganz zusammengequetscht und hässlich ist. Als er sie fragt, wie sie denn heiße, meint sie salopp: BAUM." Sie kicherte über ihren eigenen Witz. Goethe war nicht einmal ein müdes Lächeln zu entlocken.
"Hm." Sie schluckte und sah sich in dem Raum um, auf der Suche nach einer anderen Idee.
"Warte, ich weiß noch einen: Zwei Holzfäller sind im Wald und hacken Holz. Dann kommt eine ganz furchtbar hässliche Hexe aus dem Gebüsch, mit einem Raben auf der Schulter. Sie meint: Sooo, derjenige, der errät, welches Tier auf meiner Schulter sitzt, bekommt ein Küsschen von mir. Beide sehen sich erschrocken an und der erste meint: Ganz klar, ein Nashorn. Der Zweite: Eine Küchenschabe. Die Hexe mein dann ganz freimütig zu den Holzfällern: Naja, knapp daneben, aber kann man durchgehen lassen."
"Da kann man ja über Kantinenessen mehr lachen.", erwiderte er trocken. Gabriella machte noch einen Versuch.
"Ähm... rollt ein Ball um die Ecke und fällt um?"
"Ich bitte dich...das war wirklich niveaulos." Er drehte ihr demonstrativ den Rücken zu, den Stuhl zog er dabei mit und ließ ihn über den Boden schrappen.
"Dreh dich wieder um, bitte!", meinte sie, schon halb schluchzend. Sie starrte weiterhin auf seinen Rücken. "Komm schon! Mir fällt sich noch etwas ein!" sie rüttelte an dem Polstermöbel herum, wie ein kleines Kind. Goethe drehte sich nicht um. Er sah auf seine Fingernägel und summte ohne Melodie.

Längere Zeit herrschte Stille, während sich Gabriella auf der Lippe herumbiss. Sie begann leise zu Keuchen. Dann lauter. Sie fasste sich an die Kehle, ihr Gesicht wurde langsam rötlich. Er wandte langsam den Kopf zu ihr.
"Ist dir... nicht gut?" Sie nickte langsam.
"Mir ist ganz komisch", meinte sie mit bröseliger Stimme.
"Hast du so... Schmerzen am Hals?" Sie nickte. "Und dir ist auch ein bisschen fiebrig zumute, nicht wahr?" Und wieder folgte ein Nicken. Ihre Augen waren noch immer feucht. "Hmhm. Diese eine Krankheit... hast du die öfter? Ich meine, bekommst du nach ein paar Tagen diese Flecken an den Lymphknoten?" Gabriella nickte.
"Ich war deswegen oft beim Arzt, er meint, es wäre chronisch."
"Ja, diese Krankheit kenne ich.", meinte er. Sie sah ihn erstaunt an.
"Ja?"
"Ja. Das ist die schwarze Pest, sie ist seit dem Mittelalter ausgerottet und generell bekommt man sie nur einmal. Ausserdem ist es erstaunlich, dass man nach dem Tod noch krank werden kann." Seine Augen schienen sie aufzufressen. Sie wollte alles tun, um diesem schwarzäugigen Blick zu entfliehen, aber sie konnte nicht. Goethe erhob sich aufreizend langsam und näherte sich ihr als ein sehr strenger Erwachsener, der genau wusste, dass man von der verbotenen Marmelade genascht hatte. "Du hast gelogen." Sie presste nur ein Nicken heraus, das ohne ihr Zutun geschah. "Du hast ziemlich oft gelogen, auf der Erde, nicht wahr?" Seine Worte hatten chirugische Schärfe. Sie konnte nicht anders, als zu bejahen, die Strafe, die sie bei einer weiteren Unwahrheit einzuholen drohte, war zu grausig, um sie sich vorzustellen.
"Und nun erzähle ich dir mal zur Abwechslung etwas, Gabriella." Er zog den Stuhl hinzu und setzte sich. "Du bist nicht krank. Du willst nur Aufmerksamkeit und das um jeden Preis. In deiner Familie wurdest du nicht beachtet. Nur durch Krankheiten- seien sie tatsächlich da gewesen, nur eingebildet, oder psychosomatisch- konntest du eine Art Sonderbehandlung bekommen. Mir ist aufgefallen, dass du ohnehin schon nahe am Wasser gebaut hast, aber wirklich weinen tust du nur, wenn es jemanden gibt, der dir dabei zusieht. Das selbe Muster findet sich in der Schule wieder: Auch Mobbing ist eine Form von Zuneigung, wenn auch sehr negativer Natur. Nun zu dem Punkt, an dem ich am meisten gerätselt habe: Wie kann ein Selbstmordversuch, bei dem man stirbt, misslungen sein?
Gehen wir davon aus, dass es tatsächlich nur ein Versuch war... Dass dieser Selbstmord nicht hinter der festen Absicht stand, dich umzubringen. Was war das für ein Tag, als du dir die Tabletten eingeworfen hast? War es ein Feiertag? Hatte jemand Geburtstag?"
"Der neue Freund meiner größten Schwester war zu Besuch... sie hat verkündet, dass sie heiraten wollen.", sagte sie mit belegter Stimme und panisch geweiteten Augen.
"Verstehe. Und wieder einmal bist du untergegangen, nicht wahr? Deine Leistungen und dein Dasein war nur lästig oder wurde nicht beachtet. Und jetzt bekam deine größte Schwester, die sowieso in allem besser war als du, zudem noch mehr Aufmerksamkeit. Leider haben deine Eltern zu spät bemerkt, dass du dich in deinem Zimmer eingesperrt hast. Vermutlich hast du sogar noch eine letzte Sms vor deinem Tod verschickt oder extra laut darauf hingewiesen, dass du früher zu Bett gehst als sonst..."
"Hör auf...!", flüsterte sie.
"Nein. Du bist wirklich egoistisch, aber das weißt du vermutlich, nicht wahr? Deine Eltern werden sich auf alle Zeiten Vorwürfe machen, dass sie zu spät kamen um ihre Tochter zu retten und deine große Schwester wird sich vielleicht von ihrer großen Liebe trennen, weil er sie auf alle Zeiten an diesen Tag erinnert. Da hast du deine Aufmerksamkeit, bist du jetzt zufrieden?"
"Aber ich habe doch... ich habe den Abschiedbrief auf die unterste Treppenstufe gelegt." Ihre Stimme wurde immer leise, als sie merkte, was sie da von sich gab. Sie brach in Tränen aus. "Es tut mir so leid... ich... wollte... nicht...", presst sie zwischen ihren krampfhaften Schluchzern hervor. Goethe schloss die Augen.

Natürlich war es nicht allein Gabriellas Schuld, es hatte nie nur ein einziger Mensch schuld daran. Es waren nie allein die Umstände, die Eltern, die Freunde... Es kam immer nur darauf an, wie man mit den gegebenen Fähigkeiten und Hindernissen, die einem im Leben gegeben wurden, umging und wieweit man unterstützt wurde. Er sah Gabriella wieder an. Er wusste, dass sich die wahre Hölle derzeit IN ihr abspielte.

Goethe ging und kam wieder.

Gabriella lag noch immer in dem Sessel und umklammerte den Teddy. Sie reagierte nicht, als er näher trat.
"Hallo, Gabriella.", sagte er. Sie hob nicht den Kopf. Ihre Haare waren aufgelöst, die Augen rot. "Jetzt schau her, ich habe was für dich."

Stille.

Sie hielt lange an, wurde nur von einem leisen Zwitschern unterbrochen. Gabriella hörte, wie er den Stuhl heranzog und etwas Schweres darauf abstellte. Sie hörte, wie seine Schritte verschwanden.
Erst viel später hob sie den Kopf. Ein kleiner Papagei erwiderte munter ihren Blick. Der Vogel saß in einem Käfig und kraxelte mit seinen roten Krallen die Stäbe auf und ab. Ab und an nahm er auch den Schnabel dazu zur Hilfe. "Hunger", krächzte er. "Hungerchen." Gabriella sah sich weiter um und erblickte dann eine kleine Tüte mit Tiersnacks auf dem Boden neben ihrem Sessel.

Eine unbestimmbare Zeitspanne später kam Goethe wieder. Er hatte die Arme verschränkt. Gabriella bemerkte ihn gar nicht, auf ihrem Arm saß der Papagei und quasselte fröhlich mit ihr. Sie spitzte die Lippen.
"Sag Früüüüühstück. Früüüühstück."
"Roah... Früsück."
"Früüühstück." Endlich bemerkte sie Goethe.
"Ich habe einen deiner Witze Becquerel erzählt. Beinahe wäre ihm vor Lachen der Bauch geplatzt." Gabriella grinste. "Das ist nicht zum Lachen. Das ist ihm tatsächlich mal passiert." Sie hob dem Papageien einen Snack hin, der ihn mit herausgestreckter, schwarzer Zunge und zusammengekniffenen Augen dankbar annahm. Reden machte hungrig.
"Warum hast du mir den Vogel gebracht?"
"Was denkst du denn wohl, warum?", er klang nicht, als würde ihn das interessieren. Gabriella antwortete trotzdem.
"Vielleicht... weil der Vogel mich braucht? Und es genau das war, was ich immer gebraucht habe, weil ich mir immer so fehl am Platz und nutzlos vorkam." Goethe nickte langsam.
"Exakt. Ich denke, du bist bereit."
"Wofür bereit?"
"Kontaktlinsen. Wieviel Dioptrien SIND DAS?" Gabrielle wusste nicht, ob sie lachen sollte.
"Ähm... häh?"
"Tschuldige.", winkte er ab. "Ich meine, du bist bereit um zurück in die Verwaltung zu kommen. Meiner Meinung nach würdest du dich gut als Animateur machen." Er streckte die Hand zu ihr hin. Darin waren verschiedene bunte Prospekte. "Natürlich kannst du dich auch erst im Paradies erholen. Ich an deiner Stelle würde mir die Broschüren gut durchlesen, falls du dann noch Fragen hast- wende dich NICHT an MICH!" Gabriella warf einen flüchtigen Blick darauf, bevor sie sie nahm.

So- Sie sind nun also gestorben...

Ich bin tot, was nun?

Animateur: Ein Job für die Ewigkeit!

"Und halt deinen Piepmatz fest- sonst muss er Federn lassen."
"Was?" Aber Goethe klatschte schon in die Hände. Von allen vier Seiten um Gabriella herum klappten die Aussenwände eines Fahrstuhls herauf. Von oben krachte der Deckel drauf.
"Start in 3... 2... 1...", sagte die angenehme und fröhliche Stimme Rosenthals, dem Maskottchen der Motivationsabteilung metallisch aus dem Lautsprecher im Inneren des Fahrstuhls. Gabriella blickte verwirrt nach allen Seiten. "Hey!"

WUSCH!

"AAAAAHHHHHHHHHHHHhhhhh..." der Fahrstuhl flog mit rasender Geschwindigkeit in die Tiefe. Goethe lauschte den verhallenden Schreien Gabriellas.
"Also wenn ich irgendetwas an diesem Job mag, dann das...", murmelte er.

Er schnipste ein letztes Mal...
dann waren der endlose, weiße Raum, der Plüschsesseln, die Keksdose, der leere Käfig, der Stuhl, der rosa Teddy, als auch Goethe verschwunden.

 

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