Die Violine

Einst lebte ein Mann in einer Stadt, der liebte die Musik so sehr wie eine Frau.
Abend für Abend saß er mit seiner Violine am Balkon und strich und streichelte sie, bis sie vor Vergnügen schrie.
Er spielte so lieblich, dass selbst die Engel es hörten.
Und eines Tages stieg einer herab um ihm seinen sehnlichsten Wunsch zu Erfüllen:
Er erweckte die Violine zum Leben.

Und da spielten sie und spielten und die Musik verzückte die ganze Stadt.
Die Metzger standen mit dem Hackbeil überm Schwein und lauschten.
Die Bäcker ließen die Brötchen im Ofen verbrennen und lauschten.
Die Schuster ließen die Schuhe Schuhe sein und lauschten.
Die Wächter passten nicht auf und lauschten, doch dass machte nichts denn:
Die Diebe standen da und lauschten, das Gold aus den Händen fallen lassend.
Die Teufel und Neider aber standen da und pressten die Hände auf die Ohren, ächzend vor Agonie.

Bis er aufhörte zu spielen. Ab da schwor er seiner Violine, sie immer so zu spielen, jeden Tag für eine Stunde. Und die Violine versprach, sich niemals von anderen Händen so spielen zu lassen.

Nun kam es aber, dass ein Mädchen den Laden des Musikers besuchte, reizend anzusehen, doch den Teufel im Auge. Und sie umgarnte und liebkoste ihn, sie machte ihm Komplimente, bis ihm der Kopf ganz wirr wurde und strich um ihn herum wie eine schwarze Katze.
Und des Nachts, als der Musiker sich von der Geige verabschiedete und zu der Frau ging...
Da lauschte die ganze Stadt dem schweren ächzen und lüsternem Stöhnen der Teufelsfrau.
Auch die Violine.
Der Mann erschrak und stieg schnell herab. Welch furchtbare Töne gab sie doch von sich!
Die Frau lockte erst und brüllte dann, aber der Mann war nicht herumzukriegen, er verliess das Haus und beschloss stillschweigen darüber zu bewahren.

Und als der Mann das nächste Mal seine Geige in die Hand nahm um sie wie gewohnt zu lieben.
Brach sie ihm zur Strafe alle Finger.
Nicht wegen des Treuebruchs sondern wegen seines Schweigens.
Auf dass er nie wieder eine andere Frau anfasse.

Seitdem hockt der Musiker Tag für Tag bei seiner Geige, stumm und keusch.
Und horcht an ihrem stillen Leib.
Und sie machten nie schönere Musik, als in dieser trauten, stillen Zweisamkeit.

Nachwort: Tatsächlich ist es so, dass man Gefahr läuft Gicht zu bekommen bzw. seine Hand- und Fingergelenke abzunutzen, wenn man lange und sehr intensiv Geige spielt.

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