Überlass das Böse den Bösen.“
So lautet ein altes Sprichwort der Nymphen.
Es wurde gesagt, wann immer etwas Schlimmes geschah und der Gedanke an Rache aufkam. Die Bedeutung war klar: Lass das Schlechte ruhen, du vermehrst es nur, wenn du es selbst tust.

Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, ließ sich diese Denkweise der Nymphen natürlich auch anders auslegen...

Ein Lichtschatten huschte durch den Wald.
Er gehörte einem leuchtenden Wesen, das an Baumstämmen, Blättern und Zweigen vorbei glitt. Zwischen den Bäumen segelte weißer Flaum durchs grüne Zwielicht. Es war warm und feucht hier, Tiergeräusche von Grillen, Vögeln, Pelztieren tönten aus dem Dickicht und verwoben sich zu einem Klangteppich. Und noch ein Geräusch sprang von Farn zu Farn, von Grashalm zu Grashalm, von Blume zu Blume: Eine gesummte Melodie, ein Kinderlied. Der Schatten des Wesens floss über einen Tümpel, sein Licht spiegelte sich in der dunklen Oberfläche, die sich kurz glättete, als es darüber hinwegschwebte. Und rund um das leuchtende Wesen wurde die Welt langsam dunkler, wurde sprenkelnde Sonnenlicht langsam aus dieser Welt ausgeschlossen, als das Wesen davonflog, hinein in die Eingeweide des Forstes. Dorthin, wo der Wald zum Sumpf wurde.
Nacktes Wurzelgeflecht zeigte sich immer öfter, auch die Bäume wurden zunehmend blattloser. Doch im Gegenzug wurde der Boden immer nasser, die Luft immer feuchter. Moos, Pilze und Schimmel bepelzten die Baumgerippe. Das eine oder andere leuchtende Augenpaar zeigte sich in versteckten Höhlen unter dunklen Steinen. Ein seichter Fluss, der glänzte, als würde er Öl führen und nicht Wasser, grub sich seinen Weg durch die verwilderte Natur. Die
Nur das Wiegenlied blieb die einzige Konstante in der sich wandelnden Umgebung. Blau schimmernde Nymphenhände – denn um einen Nymph handelte es sich bei dem leuchtenden Wesen – hielten ein kleines Bündel aus viel Tuch und ganz wenig Fleisch und Blut. Sein teilnahmsloses Gesicht summte das Wiegenlied hinein. Viel kleinere, faltige Händchen streckten sich heraus, sie schimmerten ebenfalls, doch in einem zarten Türkiston. Der Nymph fuhr fort zu summen, senkte dabei langsam seinen Oberkörper und die Arme und legte das Kind sanft in eine Kuhle zwischen den Wurzeln. Sein Blick senkte sich nach links und nach rechts, er versicherte sich, dass kein wildes Tier in der Nähe war.
Er tat es nicht, um das Kind zu retten, sondern um es nicht retten zu müssen.
Dann wandte er sich schnell ab und zischte, mehr ein Pfeil als eine Gestalt, in das Dunkel des Waldes davon.

Kaum war das Wiegenlied verstummt, wurden die Bewegungen des Kinds unruhig. Leise, quietschende, abgehackte Laute drangen aus dem milde leuchtenden Bündel. Dieses Kind war hier ausgesetzt worden, um zu sterben. Der Nymph hatte darauf vertraut, dass es in diesem Teil des Waldes irgendeine dunkle Kreatur gab, die es finden würde:
Überlass das Böse den Bösen.
Und er sollte Recht behalten:
Die gefährlichste aller Kreaturen im Wald fand das Kind.

Das leuchtende, weinende Babybündel lockte Monster aller Art an, wie Motten von grellem Licht angezogen wurden. Eine schleimige Blasenkröte kroch blubbernd aus dem Schlamm, auf ihren gallertartigen Augen glomm eine türkise Reflektion. Katzenähnliche Wesen, doch schattenhaft und wilder, trafen gleichzeitig an diesem Ort ein. Als die eine jedoch zum Sprung ansetzte, wich sie schnell vor der anderen fauchend zurück, und sie hielten sich in ihrem Rivalitätskampf gegenseitig davon ab, Beute zu machen.
Über ihren Köpfen glitt in gemächlichen, selbstgefälligen Windungen eine rote Schlange über die Äste dahin. Die Schlingen, in die sich ihr Körper legte, waren so zahlreich, dass ihr Ende nicht auszumachen war. Und die Schreie des Babys waren inzwischen so angeschwollen, dass der ganze Wald es hören musste.

Und immer mehr Wesen krochen aus dem Wald, hangelten sich von den Bäumen, krochen die Stämme herunter, pflügten durch die Luftwurzelbüsche oder tauchten aus der Brühe auf. Bald sahen gut hundert hungrige Augen auf das Kind herab und es war sein zweifelhaftes Glück, dass sich die Wesen des Sumpfes auf dem Weg zu ihm gelegentlich gegenseitig fraßen. Die Blasenkröte eliminierte mit der Zunge eine dicke Heuschrecke und tapste dann schwerfällig auf das Kind zu. Eine dicke Pranke ruhte wie ein Tintenklecks auf der Wange des kleinen Nymphenmädchens, das mit zusammengepresstem, runzeligem Gesichtchen schrie.
Ein Fuß kickte die Kröte aus dem Weg und mit einem nassen Platschen verschwand sie im Dickicht. Schlagartig erstarben die bisherigen Gerangel und kleinen Kämpfereien rund um das Bündel. Die Schattenkatzen verschwanden fauchend Haken schlagend ins Gebüsch. Wer auch immer das Fleisch des Babys noch begehrt hatte, nun war es zu spät, um noch Anspruch darauf zu erheben: Der Hexenmeister war nun hier.
Und nicht, dass er einem Kampf aus dem Weg gehen würde oder ihn gar als lästig empfinden, nein: Blasenkröteneingeweide konnten viele Stoffe binden und waren hervorragendes Material für Zaubertränke, Schattenkatzenpfoten erleichterten den Übergang zur dämonischen Ebene und rote Baumschlangen, ja, gaben schlicht ein vorzügliches Mahl ab und eingelegt in Aspik hielten sie sich monatelang.

In wenigen Augenblicken war die Lichtung wie leergefegt.
Wurzeln knackten wie brechende Genicke, als er seinen Schwerpunkt verlagerte und in die Knie ging, um seinen Fund genauer zu betrachten. Sein Gesicht mochte einmal menschlich oder eher humanoid gewesen sein, doch unzählige Bannsprüche, Zaubertränke, unheilige Rituale und auch das Gift der einen oder anderen Kreatur hatten seine Haut verschrumpeln, sich verhärten, absterben und verdorren lassen. Sie spannte sich wie Pergament um seinen kahlen, vernarbten Schädel. Eine Kutte legte gnädig den größten Teil seines Gesichts in Schatten, ließ nur die rasiermesserscharf gefeilten Zähne entblößt zurück. Seine Gestalt war lang und feingliedrig, doch auf Schultern und Rücken wucherten Geschwüre, die ihn plump, buckelig und verkrüppelt wirken ließen. Ein gefährlicher Irrtum.
Grünliche Spinnenfinger schoben die Tücher beiseite und legten den Blick frei auf das schreiende Kind. Ein bisschen Schleim der Blasenkröte klebte noch an seiner Wange. Der Hexenmeister hob das Baby heraus, Krallen hielten Babyspeck. Er betrachtete es eine Zeit lang, musterte es. Dann schüttelte er es leicht. Dann heftiger. Er stellte es auf den Kopf und betrachtete es von allen Seiten.
Sein einziges Bestreben war momentan, das Ding zum Aufhören des Geschreis zu bewegen, damit er ordentlich nachdenken konnte, wozu er ein Nymphenbaby weiterverarbeiten konnte; ob er es frisch opfern musste oder ob auch ein konservierter Leichnam galt. Denn mit jeder Sekunde in der es schrie, wurde sein Drang, das nervtötende Bündel einfach mit seinem magischen Feuer in seinen Händen zu Asche verdorren zu lassen, stärker. Der Hexenmeister versuchte nachzudenken, so gut es eben ging. Es sofort zu töten, konnte ein dummer Fehler sein, er meinte sich da an eine Sache zu erinnern, für die frisches Nymphenblut unerlässlich war und die Gelegenheit, einen Säugling dafür zu bekommen, war extrem selten. Nichts war wertvoller, als unschuldiges, reines Kinderblut.
„Hmmmmmmmm...“, summte er nachdenklich durch die Zähne. Dieser meditative Ton half ihm oft bei der Erinnerung und wie es seine persönliche Eigenart war, neigte er dazu, diesen Ton lange auszudehnen, wenn er besonders angestrengt nachdachte. Das Schreien des Babys wurde erst leiser, dann verstummte es.
„...mmmmmmmmmmmmmm-“
Der Herr des Sumpfes stockte.
Prompt kroch die kleine Unterlippe des Kindes wieder unter der oberen hervor und es holte Luft für einen weiteren Weinkrampf.
„Hmmmmmmmm...“, begann er erneut.
Das Baby stellte die Bemühungen ein und wurde ruhig. Der Hexenmeister brummte weiter. „Mmmm-Hm-Hm, Mmmmmh...“, versuchte er verschiedene Tonlagen aus. Das nackte Kindlein in seinen toten Händen gluckste und schenkte ihm ein zahnloses Lächeln.
„HmmmmmmmdudreckigeBratzemagstalsoMusikmmmmmmmmm.. .“, stellte er fest.
Ein seltsames Bild bot sich dem Sumpf und all den versteckten Augen über und unter der Wasseroberfläche. Der Hexenmeister, gefürchtetste Kreatur in dieser dunkelsten Ecke aller dunklen Ecken hielt ein nacktes, sanft glimmendes Baby mit weit gestreckten Armen von sich, ging vorwärts und summte und brummte wie ein Hornissennest.
Und das Kind erfreute sich daran, unwissend, dass sich der Hexenmeister den gesamten Rückweg noch Gedanken machen würde, wie und zu welchem Zweck er seine einzelnen Gliedmaßen und Organe zerlegen sollte.

Die Nymphen überließen Böses immer den Bösen. Sie töteten keine ungewollten Nymphenbabies, vor allem, wenn die Schwangerschaft vor einem gewissen Ehemann verborgen werden sollte. Sie befleckten ihre Hände nicht mit Blut, sie wuschen sie in Unschuld. Der Diener hatte das Kind der Mutter abgenommen, sobald sich eine Gelegenheit dazu ergab – natürlich im Schlaf, die Mutter musste unschuldig und unfähig zur Gegenwehr sein, auch wenn sie es ihrem Diener selbst angeordnet hatte – und hatte es in den Sumpf gebracht. Auch er war unschuldig, denn man hatte ihm nur den Auftrag gegeben, das Kind hierher zu bringen. Außerdem hatte er sich ja versichert, dass das Kind in Sicherheit war, als er es verließ. Jeder wusste, worum es eigentlich ging, aber niemand war Schuld, da niemand wirklich etwas wusste oder tun konnte, nicht wahr? Nicht wahr?
Überlass das Böse den Bösen.
Und überlass ihnen dabei auch gleich die Verantwortung für den Tod eines unschuldigen Kindes.

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