Der Himmel war grau und schwer wie Blei, als die Dorfleute auszogen um Holz zu sammeln. Kalt war es nicht, gerade kühl genug um die Nasenspitzen der Leute ein wenig rosa anlaufen zu lassen. Sie waren warm angezogen und praktisch: Sogar der Schamane des Dorfes, Alamarn, lief nicht wie sonst in seiner weiten, langen Kutte herum. Ein prachtvolles Kleidungsstück, Zirkel, Symbole und Runen rankten sich um die Ärmel und schimmerten nur sanft in einem bestimmten Lichteinfall. Wie ein Raubtier mit glühenden Augen, das in der Nacht blinzelte. Respekteinflößend, sicherlich. Aber zum Holzsammeln vollkommen ungeeignet.

Ein wenig sehnsüchtig dachte Alamarn daran zurück, während er sich wie der Rest der Dorfbewohner einen Weg zwischen die Bäume, durch das Gestrüpp und die unwegsamen Farne bahnte, die den Boden so geschickt verschleierten, dass der nächste Schritt, nein, jeder Schritt, zur Stolperfalle werden konnte. Schnaufend ließ er den Blick schweifen, zog die kalten Fingerspitzen in die Ärmel seiner Jacke zurück und die Nase hoch. Monita, eine rundliche Frau mittleren Alters lief mit ihrer Tochter Sanah an der Hand links von ihm, tief in ein, die Stille des Waldes sehr banal durchbrechendes, Gespräch versunken. Davon einmal abgesehen herrschte angenehme Ruhe, nicht einmal die Zweige der Bäume raschelten und blendete man Monitas rechthaberisches Gejaule aus – und Alamarn war über die Jahre hinweg gut darin geworden, Dinge, die Monita sagte aus seiner Wahrnehmung zu entfernen – so war es eine wahre Pracht. Leise plitschende und platschende Tropfen fielen von Blattgrün zu Blattgrün, perlten die Rillen der Stämme herab und sammelten sich in Pfützen zu ihren Füßen, bevor das dürstende Erdreich sie aufsog. Pelziges Moos schmiegte sich an Felsen, Wurzeln und Bäume, wie grüne Hände streckten die Farne und Pflanzen ihre Blätter nach dem nebligen Licht aus. Vereinzelt entdeckte er seine Mitmenschen, die nur durch ihr vielstimmiges, leises Gemurmel und Stapfen auf sich aufmerksam machten.

Es war eher ein Murren, denn ein Gurren, dachte Alamarn. Jaja, wenn man es im Winter warm haben wollte, musste man eben Holz sammeln, da half kein Weg drum herum. Er selbst hatte zu dieser Tätigkeit ein recht liberales Verhältnis. Nicht, dass er es gerne tat, aber es musste eben gemacht werden. Als Schamane wusste er: Spirituelle Höhenflüge und eins zu sein mit der Natur wärmten im Winter leider nicht so gut, wie man es sich wünschen würde. Manche der jungen Damen und Herren des Dorfes verfielen hingegen in regelrechte seelische Tiefs, wenn sie hören mussten, dass es wieder Zeit zum Holzsammeln wurde.

Zwei Tage vorher hatte ein Sturm den Wald erschüttert, in vollkommener Dunkelheit hatte nur das lärmende Rauschen der Bäume von den Gewalten gezeugt, welche mit riesigen unsichtbaren Händen nach den Bäumem griffen. Die Kinder kuschelten sich tiefer in die Decken, die Erwachsenene sahen besorgt nach draußen, die Alten ließen sich wenig stören. Regenschauer klatschten gegen die Wände der Häuser und fegten durch alle Ritzen. Dann geschah es, diejenigen, die am nächsten am Waldrand wohnten, hörten es und Alamarn schreckte mitten in der Nacht aus dem tiefsten Schlaf auf: Der älteste und morscheste Baum aller Bäume schwankte, wie plötzlich lebendig geworden, im Sturm wie ein Metronom...

Das Schwanken wurde stärker, immer heftiger, bis es aufhörte und er begann zu Fallen...

Unaufhörlich kippte der lange Stamm, das Holzgerippe zerschellte unter seinem eigenen Gewicht am Boden.

Vor ihnen erstreckte sich die Lichtung, wo es geschehen war, und wie seltsame Pilze, die aus dem Boden gesprossen waren, standen die Dorfbewohner im Gras und betrachteten stumm das Ergebnis: Es war seltsam, sich vorzustellen, dass diese Äste, die sie bald vom Boden aufsammeln sollten, seit ihrer Entstehung mindestens 50 Meter und höher über dem Boden geschwebt hatten. Ein längst verlassenes Vogelnest fand sich in dem Gestrüpp. Rund um den gefallenen Stamm lag eine Aura aus größeren und kleineren Ästen. Alamarn ging in die Hocke und zog einen Ast aus dem Erdreich. Er hatte sich sehr, sehr fest in die weiche Erde gebohrt. Wäre dieser Baum näher an einem Haus gestanden und in die falsche Richtung gefallen...

Die kleinen Härchen an seinen Unterarmen stellten sich auf.

"Oh mann, das wird ja ewig dauern, all das aus der Wiese zu pulen!", maulte eine Stimme hinter ihm.

Andere Leute, andere Gedanken.

Er stand auf und wandte sich herum.

"Achwas, wenn jeder mit anpackt, sind wir hier flugs fertig. Fangen wir schonmal an, die Äste aufzusammeln, während Krudo und seine Familie die Säge herbringen. Die müssten gleich da sein." Nichts rührte sich, kein Blatt, kein Bein. "Na, los, LOS! Je schneller wir anfangen, desto schneller sind wir fertig!" Er ging mit gutem Beispiel voran und zog einen Ast vom Boden herauf. "Die Großen auf den einen Stapel, die Kleinen, ungefähr ab einer Armlänge lang, auf den zweiten..."

Bald war auch Krudo angekommen und machte sich daran mit seinen kräftigen Söhnen und der großen Säge den Stamm zu zerteilen. Die Restlichen organisierten sich. Alle halfen mit, nur die wirklich kleinen Kinder liefen oder saßen herum und rollten immer wieder den Hügel herunter. So auch Sanah, die kleine Tochter Monitas. Sie war nun bestimmt schon ein Dutzend Mal hinaufgestiegen und wieder herabgekullert und noch immer rief es in ihrem kleinen, weichen Gesichtchen kleine glucksende Lacher hervor. Zu spät bemerkte sie, bemerkten die Dorfbewohner das Krachen und Rauschen. Ein kleiner Tumult brach aus, Eltern packten ihre Kinder und rannten davon, die Holzfäller und Sammler ließen alles stehen und liegen und kauerten sich im Gras zusammen.

Sanah nicht.

Das Mädchen lief schwindelig im Kreis herum und versuchte nun ihre Mutter ausfindig zu machen. Monita, sie hatte ihre vier älteren Kinder erst wegtragen müssen, Sanah war ihr entgangen, saß hinter einem Baumstumpf, in Sicherheit. Sie winkte, rief leise nach ihrer Tochter, doch sie verstand wohl nicht oder wollte nicht horchen, wie kleine Kinder es eben manchmal taten. Und das ausgerechnet jetzt.

Ranken krochen unvermutet schnell dem Stamm links von Sanah hinauf, hatten in sekundenschnelle eine Baumwurzel überwuchert. Pflanzen schlängelten sich durchs Gras, dann – rumms – ein Arm, ein Pulk aus grünen Blättern ohne Gestalt, schlang sich um eine mit Efeu umwachsene Baumsäule, etwas zog daran heran, zog sich direkt auf Sanah zu.

Das Mädchen war starr vor Schreck, nur ein kleiner Stein, den jemand in die Wiese geworfen hatte, sie hob den Kopf. Eine große, moosbewachsene Schnauze schob sich ihr über das Gras entgegen, rutschte schwer über den Boden. Zwei schwarze Perlenaugen öffneten sich unter Farnen, die auf dem massiven Kopf wie Haarbüschel sprossen. Der andere Arm legte sich um die kleine Gestalt, den weichen, verletzlichen Kinderkörper und hob sie auf Augenhöhe. Monita stieß einen spitzen Schrei aus, doch statt zu ihr zu rennen und zu versuchen sie zu retten, presste sie sich auf den Boden, versank in einem kleinen Universum aus stummen Gebeten, dass der Waldgott ihre Tochter doch verschonen mögen, bitte, bitte, oh, bitte...

Aramarn war neben Sanah der Einzige, der noch auf der Lichtung stand. Er durfte es, immerhin war er der Schamane, auch wenn er die Kutte im Moment nicht trug. Ein dumpfes Grollen entbrach dem Maul des Waldgottes, er betrachtete Sanah mit seinen tiefschwarzen Augen und allen, fast allen, Dorfbewohnern erschien gerade dieser Moment wie ein Moment, in dem sich das Schicksal des kleinen Dorfes ändern sollte. Eine Antwort erschallte aus dem Wald, ein zweiter Kopf, ohne Brustkorb, ohne Schultern, nur Pflanzen, welche die Arme bildeten und in das Gestrüpp, das as Haupt bedeckte, überging, kam heran. Er war größer als der erste, wirkte älter, beinahe verwelkt. Der erste Waldgott hingegen trug neben dem grünen Moos kleine Blumen zwischen den Pflänzchen, während er Sanah voller Wohlwollen betrachtete. Die beiden sprachen in ihrer eigenen, uralten Sprache miteinander, die tief und satt in den Brustkörben der Menschen widerhallte.

Alamarn verstand sie, er hatte ihre Sprache einst erlernt. Und sie sagten ungefähr folgendes:

"Groooowlamaranaaaa", dies war wohl der Name des zweiten Waldgottes, der gerade auf die Lichtung gekommen war. "Komm schnell her, schau mal, was ich gefunden habe!" Growlamarana schleppte sich näher heran und grummelte.

"Achjeeeeee... Was hast du denn jetzt schon wieder angeschleppt?" Der jüngere Waldgott hob Sanah dem Älteren entgegen.

"Ich hab einen Babywaldmenschen gefunden! Ist er nicht süß?"

"Nein, Glomnu, lass sie wieder runter, die hat doch furchtbar Angst!"

"Es ist ein Mädchen? Aber sie ist so niedlich! Darf ich sie behalten?"

"Glomnu! Die hat schon eine Mama, siehst du? Da drüben kauert ihre Kolonie."

"Och mann..."

"Jetzt lass sie wieder runter, wenn du sie zu lange auf dem Arm behälst, verliert sie ihren Geruch und die Mama nimmt sie nicht mehr an."

"In Ordnung." Glomnu streichelte zum Abschied über Sanahs Kopf. "Machs gut, Kleine.", bevor er sie herunterließ. Die Götter des Waldes krochen über den gefallenen Baum hinweg, schenkten der Kolonie nicht weiter Beachtung und waren trotz ihrer langsamen Fortbewegung schnell wieder im Wald verschwunden.

Den Dorfbewohnern, besonders Monita, kam es trotzdem vor wie eine halbe Ewigkeit.

Ein paar Pflänzchen kräuselten sich wie zum Abschied.

Die Stille kehrte in den Wald zurück.

Dann schnellte Monita hoch aus ihrer Kauerstellung, rannte mit offenen Armen auf ihre Tochter zu und nahm sie hoch. Und genau von diesem Augenblick an verzog Sanah das Gesicht zu einer verheulten Fratzen und stieß wehleidige Laute aus, vor lauter Angst. Immer und immer wieder strich Monitas Hand über den wuscheligen kleinen Kopf ihrer Tochter, das Gesicht mit Stolz erfüllt.

"Meine Tochter, ich wusste schon immer, dass sie etwas Besonderes ist! Sie eine kleine Auserwählte, meine kleine Tochter..." Und noch an allen nachfolgenden Tagen würde sie erzählen, dass die Waldgötter ihre Tochter zu Größerem bestimmt hatten. Der Tumult war unglaublich, Leute wurden umarmt, Hände geschüttelt, das Holzsammeln wurde auf einen anderen Tag verschoben.

Alamarn seufzte schwer, aber seine Lippen waren versiegelt.

Krudo, der Holzfäller, der ebenfalls die Sprache der Waldgötter verstand, damit, zugegebenermaßen, jedoch nicht so sehr angab wie Alamarn, machte einen Bogen um die glückliche Mutter und warf dem noch immer an der gleichen Stelle stehenden Schamanen schon während er auf ihn zuging einen schrägen Blick zu. Dann nickte er in Monitas Richtung und blickte fragend.

Alamarn hob die Schultern und wandte die Hände dem bedeckten Himmel zu. Damit wollte er ungefähr folgendes ausdrücken:

Es gab nunmal Leute, die dachten, sie würden das Gras wachsen hören. Und dabei war es nur das Stroh, das zwischen ihren Ohren raschelte.

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