Kranaka

Jock rannte. Er rannte, bis der Schmerz seine Beine hinaufwallte und jeder Schritt schwerer wiegte als ein Gebirge. Die Erde schien zu beben, jedes Mal, wenn er einen Fuß auf den trockenen, verstaubten Stein aufsetzte. Grauer, Hustenreiz erregender, dicker Schmauch über felsigem Grund zerrann unter seinen nackten Füßen zu einem einzigen grauen Fluss. Als würde er auf Wasser laufen, gegen den Strom. Nur ein Gedanke beherrschte ihn: Er musste in Sicherheit, er musste fliehen...

Aber wohin will man fliehen...

Und welchen Sinn macht es...

Erscheint allein der Versuch nicht vollkommen lächerlich...

... wenn man von den Göttern verfolgt wird?

Götter. Unheimlich mächtige, unheimlich alte, unheimlich unheimliche Wesen. Zumindest für Jock. Hoch oben thronten sie auf den Wipfeln des Weltenbaumes, unantastbar schwankten sie in windigen Höhen, wo die Luft so kalt war, dass die Wolken gefroren und die grünen, obersten Zweige des Baumes wie ein Meer aus weicher Gerste im Wind Wellen schlugen. Nur selten senkten sie ihren Blick durch die dichten Nebelwirbel und die Blätter aller Farben, um die gar possierlichen Sterblichen zu betrachten. Aus dieser Höhe wirkten selbst die gewaltigsten Riesen, als könne man sie mit einer Hand vom Angesicht der Erde pflücken.

Wie Spielzeug.

Die graue Wüste spannte sich von Horizont zu Horizont. Vor Jock lag der Ort, der die größte Gefahr beherbergte, der er sich aussetzen konnte und ihm zugleich den einzigen Schutz bot, den er sich vor den Göttern erhoffen konnte. Es war das Reich der Abtrünnigen, der Angeketteten, der Hexe: Es war der Schatten des Weltenbaumes.

Er stand da und pumpte Luft in seine brennenden Lungen. Sie verlangten nach mehr Atem, als er ihnen geben konnte und Schweiß troff ihm nass und viel aus der Haut, dass er schon fast ein Teil von ihr geworden zu sein schien.

Das Dunkel verdammte das wenige Leben, das sich an diesen Ort heranzutasten wagte. Im Zirkel des Jahres wanderte der Schatten des Baumes, wie der einer Sonnenuhr im Laufe des Tages: Seine gefallenen, verrotteten Blätter gebaren blühendes Leben, seine Finsternis vernichtete es. Doch gab es Nischen zwischen seinen gigantischen Wurzeln, in die niemals Licht fiel. Nischen, die tief hinab führten in das Reich des Todes und der Dunkelheit, aus der die Geister mit hohlen Mündern blutrote Worte riefen.

Jock fröstelte, aber ihm war nicht kalt. Nicht körperlich.

Es waren nur Geschichten, doch Geschichten und Sagen, deren abscheulicher Inhalt sich wie Parasiten in seinem Kopf einnisteten und seine Träume vergifteten.

Vor seinen Füßen lag die Grenze zum Schatten des Baumes. Jede Silhouette der Wipfel des höchsten Baumes, jedes ach so dünne Zweiglein an den dürrsten Ästlein zeichnete sich pechschwarz, wie mit Tusche gemalt, auf dem Boden vor ihm ab. Vielleicht, dachte er, vielleicht würde sein Arm einfach verschwinden wie in einem dunklen Teich, würde er ihn nun ausstrecken. Vielleicht warteten schon die abscheulichsten Monster unsichtbar dahinter und freuten sich grinsend mit gebleckten, verfaulten und stumpfen Zähnen bereits auf seine zarte Haut, sein obszön schmeckendes, wallendes Blut, die wie Stöcklein brechenden Knochen, während seine Schreie das Mahl musikalisch untermalten...

Gefesselt von der Vorstellung stand er da, während sein Geist mit ihm immer grausamere Spiele trieb und immer neue Fantasien, eine schrecklicher als die andere, in seinem Schädel Spiralen zogen. Er versuchte den Gedanken abzuschütteln und sprach mit sich selbst, wie um sich aufzuwecken.

"Achwas... es ist doch nur ein Schatten."

Allein seine brüchige Stimme und der ebenso brüchige Inhalt derselben verspotteten ihn.

Jock trat mit geschlossenen Augen einen Schritt vorwärts.

Der Boden unter seinen Füßen fühlte sich nicht anders an, Staub zwischen seinen Zehenzwischenräumen. Und bisher fühlte er sich auch, als wäre er noch am Leben. Nun musste er lediglich die Augen öffnen und sicher gehen, dass dort nichts weiter war, als karge, düstere Landschaft. Jock holte tief Luft und öffnete sie.

Ruhe durchflutete ihn. Er atmete durch, wie er zuvor noch nie geatmet hatte, genoss die süße Luft, um nicht zu sagen verwesend süßliche Luft – was dem Genuss zumindest im Moment keinen Abbruch tat.

Und folgendes Gefühl kletterte zwischen seine Rippen, beklomm ihn, doch gab ihm Sicherheit:

In der Welt hinter ihm wartete der Tod gewiss auf ihn.

In der Welt vor ihm nur vielleicht.

Es wurde kälter, je weiter er dahinschritt. Er konnte bis zum Horizont sehen, anders als in seiner Heimat, in der sich weiche Hügel im Nebel an den weißen Himmel schmiegten und im gelegentlichen Sonnenschein das Leben erblühte.

Doch es gab hier nichts zu sehen. Hinter ihm entdeckte er die helle Welt, die er zurückließ. Nicht mehr als eine unregelmäßige, helle, weit entfernte Linie. Zu seiner linken und rechten war die Landschaft ein gerader Strich, angefüllt mit dunklem Grau. Vor ihm ragte eine schwarze Wand auf. Doch er wusste, dass es der Weltenbaum war, nur zu gewaltig, um von seinem Auge in seiner vollen Größe erfasst zu werden. Und noch immer wurde es kälter. Kein Schnee fiel. Kein Wind wehte. Weit und breit war Jock das einzige Lebewesen und die Einsamkeit war so allumfassend, dass er gleichzeitig schreien wollte und es doch nicht wagte – denn wie grauenhaft wäre seine eigene Stimme in dieser Welt gewesen, wenn er doch dann genau wusste, dass niemand da war, um sie zu hören. Und so schritt er weiter, in einer Einöde wie aus einem Nachtmahr.

Unbarmherzig schnitt die Kälte in sein Fleisch, wie mit tausend Messern aus Eis. Er glaubte, seine Fingerspitzen und Füße wären längst kein Teil mehr von ihm, sein Atem trieb vor seinem Gesicht in dicken, weißen Schwaden und doch schleppte er sich weiter. Getrieben von Schuld. Getrieben von Angst. Vor ihm die dunkle Seite des Weltenbaumes, bereit, all seine Lebenskraft und seine Hoffnung auszusaugen und durch flüssigen Winter zu ersetzen.

Ein warmes Licht glomm am Fuße des Baumes.

Es war alles was sich Jock erträumte, es war alles, was Jock fürchtete.

Es zeigte ihm, wo die Hexe lebte.

Das Licht schien auf seine vordere Körperhälfte und wärmte sie so verlockend, dass Jock gar nicht anders konnte, als misstrauisch zu werden. Er näherte sich dem Licht, schneller, als er dachte, dass er eine solch lange Distanz überbrücken könnte und schneller, als ihm sein eigener Fußmarsch vorkam.

Gewaltige, feiste und nachtschwarze Wurzeln tauchten zu beiden Seiten auf, matt durch den grauen Staub.

Das Licht wurde immer heller, immer wärmer, bis es wohltuend durch seinen Körper glitt und die Kälte aus seinen Knochen vertrieb. Er blieb stehen.

Er war angekommen, an der eigentlichen Grenze, die ihm seine Imagination immer wieder vorspielte. Hier war er in Sicherheit. Nahe genug an der Hexe dran, sodass die Götter ihn nicht verfolgen würden, jedoch weit genug von der Hexe entfernt, sodass sie ihm nicht schaden konnte. Er ließ seinen Blick schweifen und setzte sich hin, dachte nach.

Nach einer Stunde kam er zu dem Schluss – jedenfalls nahm er an, dass es eine Stunde war – dass er am Besten hier blieb, ja, das würde er tun.

Nach der zweiten Stunde überlegte er sich, dass er nie wieder seine Freunde oder seine Familie wiedersehen würde. Und eine halbe Stunde später hatte er auch diesen Zweifel beseitigt, denn so konnte er sie ja auch nicht mehr in Gefahr bringen.

Nach der dritten Stunde bekam er Hunger und begann sich Sorgen zu machen, ob man hier überhaupt längere Zeit überleben konnte. Er beruhigte sich mit dem Gedanken, dass es die Hexe ja auch schaffte. Und wie zur Bestätigung kroch eine Assel ihres Weges an ihm vorbei. Scheinbar schuf der Lichtkegel etwas wie eine Oase in der Wüste.

Nach der vierten Stunde begann er sich Sorgen zu machen, wie weit die Ketten, mit denen die Hexe angekettet war, eigentlich reichten.

Nach der fünften Stunde, vielleicht auch schon früher, aber so lange brauchte er, um sich selbst zu überzeugen, entschied er, dass er nicht sein ganzes Leben lang in Feigheit verbringen wollte.

Er stand auf und trat einige Schritte vor. Große Wurzeln versperrten ihm die Sicht, unter seinen Füßen war nun nicht mehr Sand, auch heruntergefallende Blätter raschelten hier und da. Er hörte das schwere Klirren von Eisenketten und seine Nackenhaare stellten sich auf, jedes einzelne von seinem persönlichen Schreckgefühl beseelt. Dort, leise raschelnd und verdeckt von Stoff und Haar, atmete etwas.

Es war ein Knäuel, ein Lumpenhaufen und Jock konnte, als er sich, langsam wie die Gezeiten selbst, bewegte und spähte, nicht erkennen, wo die Person begann und wo sich ihre Gliedmaßen befanden. Es hätte eine Greisin sein können, ein Monster, ein Tier, eine Göttin. Etwas bewegte sich und knackte innerhalb des Haufens.

Dann ertönte ein schriller, durchdringender Pfiff, der Jock beinahe den banalsten Tod der Weltgeschichte eingebracht hätte. Denn es war nur ein pfeifender Teekessel.

Eine zierliche, geradezu abgemagerte Hand entknäuelte sich langsam aus verschiedenen Lagen Stoff und nahm einen gläsernen Kessel von einem Feuer. Es knackte erneut. Knochenknacken. Ein schwarz und struppig behaarter Kopf schüttelte sich frei und zwei wimpernumkränzte Augen erblickten den erstarrten Jock zwischen einer Welle aus Stoff und zerzausten Haaren hindurch. Eine aus dem Mittagsschlaf erwachte Stimme murmelte leise, doch durchdringend:

"Tee?"

Jock war über diese Frage so erleichtert, dass er fast zugestimmt hätte. Doch er bemerkte die seltsame Färbung des Gebräus, das in der Kanne herumschwappte und fragte vorsichtig:
"Woraus ist er denn?"

Die Pupillen wanderten nach links oben und über grazilen Augenbrauen zeigten sich Stirnfältchen.

"Oooch... Dies und das... was man hier eben so findet." Sie, es war wohl ein Mädchen, zuckte mit Schultern, die nicht dicker als Zweige zu sein schienen.

Jock gedachte der Assel, die ihm begegnet war und lehnte dankend ab.

Eine zweite, ebenso dürre, von blauen Äderchen durchzogene Hand schubste sich einen Weg durch ihr Gewand und holte eine viel benutzte Tasse hervor.

"Na ein Glück... ich hatte sowieso nur eine Tasse..." Ihrer Stimme wohnte so ein seltsamer Singsang inne, brüchig war ihre Melodie. Die Pausen in ihren Sätzen wirkten, als wolle sie, dass Jock selbst die Lücken in seinem Kopf füllt – oder dass sie für jeden Satzteil erstmal einen tiefen Atemzug brauchte. "Naaa? Was verschlägt dich hierher... zu mir?", fragte sie ohne jegliche Neugierde und schenkte sich ein. Schaumig platschte der Tee über den Rand in die Tasse.

In Jock wurde ein rostiger Schlüssel in einem maroden Schloss herumgedreht. Er begriff, dass das vor ihm die Hexe war.

Er hatte viele Geschichten gehört, Sagen, die fast zu unglaublich schienen, um wahr zu sein. Sie hatte in ihrem Kampf mit dem Göttern, ihrem Aufbäumen gegen die ewige Ordnung, ganze Städte vernichtet, Wälder waren unter ihrer Hand verdorrt und ganze Landstriche verwüstet. Götter erschauderten vor ihr, die Schatten mieden ihre Gesellschaft. Unzähmbar wie ein Ozean, unaufhaltsam wie eine Knospe, die durch Stein hindurch sprießt, unbeugsam und stolz wie ein in der Wildnis aufgewachsenes Raubtier.

Bis zu jenem Tag, an dem die Götter zeigten, dass sie mächtiger waren, bis zu dem Tag, an dem sie die Hexe mit einer List dazu brachten, sich an den Weltenbaum ketten zu lassen.

Und nun sah er sie leibhaftig.

Ein schwindend dünnes Mädchen, das versuchte sich in der Dunkelheit mit Licht, Tee und vielen Decken warm zu halten. Mitleid quoll in seiner verängstigten Seele auf, wie Eiter aus einer Wunde quoll.

Er öffnete den Mund, aber die Worte blieben ihm im Halse stecken.

"Sprich ruhig.", sagte sie. Ihre Augen waren seltsam tiefgründig. Nicht mehr unschuldig und von einer seltsamen Gelassenheit. Jock versuchte den Drang, auf sie zuzulaufen, damit zu unterdrücken, dass er wusste, weshalb man die Hexe hier an den Weltenbaum angekettet hatte, mit solch dicken Ketten, geschmiedet in den Himmelsfeuern, aus Eisen der tiefsten Unterwelt. Hexen waren listig. Der äußere Schein konnte trügen. Er sah ihre Fesseln: Jedes einzelne Glied der Kette war so gewaltig wie ihr Kopf und sie wand sich um den gesamten Weltenbaum herum. Die Götter hatten sie wohl kaum umsonst so angekettet!

Sie wollte wissen, was ihn zu ihr führte, rief er sich in Erinnerung.

Er setzte sich. Er kniete hin. Er presste den Kopf auf den Boden, auch wenn er sich dabei dämlich vorkam.

"Große Hexe", begann er, schluckte seine Zweifel hinab und presste das heraus, was er sich auf dem ganzen Weg hierher durch die Ebene im Kopf zurecht gelegt hatte. "Große Hexe, ich habe die Götter erzürnt und erbitte Obdach, bis ihr Fluch wieder von mir weicht und ihre Wut verraucht ist."

"Mh, das kann dauern.", meinte sie skeptisch und leerte den heißen Tee mit einem Zug. Eine rosane, klebrige Zungenspitze sammelte den Geschmack von ihren Lippen. "Aber du kannst von mir aus hier bleiben..."

Jock richtete sich auf, ehrliche Erleichterung und Dankbarkeit zeichneten sich in seinem Gesicht ab.

"Da-" Eine blitzartig erhobene Hand und ein Laut schnitten ihm das Wort ab.

"Ksch.", sagte sie. "Danke mir erst, wenn du wieder gehst. Sodenn du es dann noch kannst.

Das Menschengeschlecht fürchtet mich und die Legenden nähren diese Furcht. Denn mein Name ist Kranaka, ich bin "die, die an dem Thron der Götter rüttelt" und sie fürchten mich nicht ohne Grund!" Ihre Stimme war plötzlich fest, unerbittlich, hart. "Wann immer du bei mir bist, werde ich dich abstoßen mit meiner Gestalt, meiner Lebensart, deine Nächte werden erfüllt sein von der Furcht, diesen Ort zu verlassen und der Sehnsucht nach deinem Heim. Deine Trauer wird Verzweiflung, deine Verzweiflung wird Hass gebieren und wenn du ihn gegen mich richtest, wirst du Hilflosigkeit und Angst zu spüren bekommen, denn gegen mich kannst du dich nicht wehren. Genährt wird sie sein von deinem Zweifel an den Göttern, deiner eigenen Schuld und dann wirst du mich hassen, weil du dich selbst nicht hassen kannst und ich werde dein schlimmster Alptraum sein. Doch ich selbst werde dir nie ein Haar krümmen...

Trotzdem wird es dir unmöglich sein, mir zu danken, wenn du diesen Ort verlässt. Deine Gedanken werden vergiftet sein von Abscheu und deine Geschichte wird andere davon abschrecken, mich aufzusuchen. Darum... danke mir nicht." Ihre Hand fiel zu Boden wie ein welkes Blatt, ihr Kopf sank auf die Brust und sie begann tief zu atmen. "Ich verdiene keinen Dank... denn ich bin die Hoffnungslosigkeit für all die, die meine Umarmung suchen... ich bin der Fluch meiner Selbst und all jener, denen ich zu helfen versuche..." Ihr Atem ging weniger pfeifend, wurde stetig leiser. Fast meinte Jock, als er sich nach unten beugte, um einen Blick auf ihr Gesicht zu werfen, dass sie eingeschlafen war, als sie hinzufügte: "Ich bin Kranaka, ich bin die Abtrünnige..." Und mit diesen Worten rollte sie sich in ihre Gewänder ein und drehte sich, begleitet vom leisen klong klong klong der Ketten von Jock weg. Sie schien vollkommen erschöpft zu sein. Oder einfach nur sehr traurig. Den Rücken von ihm abgewandt fragte sie ihn nach seinem Namen. Er nannte ihn, woraufhin sie wissen wollte, weshalb er denn eigentlich bei ihr Unterschlupf suchte, weshalb die Götter zornig auf ihn waren.

Sein Mundwinkel zuckte vor Trauer und Gram, seine Stirnfalten gruben sich tief in sein Gesicht. Seine Hand suchte die Miene auf, bestrebt, die ihn überwältigende Erinnerung einzudämmen.

Sie linste über ihre Schulter, als sie sein Zögern hörte.

Dann begann er zu erzählen.

"Götter können barmherzig sein. Götter können grausam sein. Aber eines sind sie alle: Gierig. Die einzige Eigenschaft, die sie nicht von den Menschen unterscheidet. Und einer von ihnen begehrte meine Schwester." Er richtete sich auf, sein Körper zur Flucht oder zur verfzweifelten Gegenwehr bereit. "Auf vielerlei Arten machte er ihr seine Aufwartung und in vielerlei Gestalt. Als edler Herr, sie zu locken, als altes Weib, sie zu überlisten, als furchtbarer Barbar, ihr zu drohen, als wildes Tier, sie zu rauben. Und jedes Mal entging sie ihm nur knapp, zu jeder Tages und Nachtstunde streckte er seine lüsternden Hände nach ihrer Haut aus, begehrten seine Nüstern mehr als all das, was er haben kann und bereits besitzt, den Duft ihrer Haare. Den Duft einer Jungfrau, einer lieblichen Knospe, noch nicht zur Frau erblüht..."

Seine Schultern pochten hart gegen das Holz der Wurzel hinter ihm. Die Stimme zerbröselte, sein Blick brach. "Ich bin kein mutiger Mann, das Kämpfen habe ich nie gelernt und welchen Sinn hätte es, sich gegen einen Gott zu kämpfen? Aber ich bin klug – nicht klug wie die Weisen, nicht klug wie die Raubtiere. Ich bin klug wie die Schäfer, die ein Raubtier unschädlich machen müssen. Und die einzige Möglichkeit, meine Schwester aus den Fängen dieser Bestie zu befreien, war, die Beute für ihn..." er stockte, suchte das richtige Wort "...unattraktiv zu machen."

Die Erinnerung hatte sich von hinten an ihn herangepirscht, nun schlug sie zu:

Das rhythmische Pochen gegen den Holzverschlag...

Das leise Wimmern zwischen den Laken...

Und die Augen, dieser Blick...

Er öffnete den Mund für weitere Worte, doch das Unausgesprochene steckte in seinem Hals und ließ ihn verstummen, ließ die Zunge in seiner Mundhöhle zucken wie einen blinden Wurm.

Doch Kranaka hatte verstanden. Sie musterte ihn mit ihrem tiefen, seelenvollen Blick und legte, begleitet von einem Knirschen ihrer Halswirbel, den Kopf schief.

"Du musstest also ihr Jungfernblut vergießen..."

Jock nickte stumm.

"Seine Wut war grauenvoll.", flüsterte er an dem Kloß in seinem Hals vorbei. "In seiner Rage zermalmte er unser Haus zu kleinen Splittern und Kieseln, vergiftete sein Odem den Fluss und er verfluchte mich und meine Sippe auf dreizehn Generationen, bevor er in den Himmel verschwand... und ich floh, wie von Sinnen vor Angst." Er drehte den Kopf, konnte nicht anders, als Kranaka, die nun mit schleifender Schleppe an ihn herangekrochen war, genauer zu betrachten. Ihr Gesicht war das eines jungen Mädchens, es erinnerte ihn schmerzvoll an die Unschuld seiner Schwester, die nun nicht mehr war. Doch ihre Haut war wie dünnes Papier, die Haut einer alten Frau. Ihre Augen schlossen die lodernden Feuer eines Dämons ein.

"Dies... ist die Art und Weise, wie er mit euch umgegangen ist?", ihre einzelnen Worte troffen über ihre Lippen, während sie in ihrem Inneren einen Strom aus kochendem Blut zurückhielt. "Sag mir... wie kommt es, dass die Götter euch so behandeln dürfen?"

Jock verspürte großes Unbehagen unter ihrem Blick, auch fürchtete er, sie mit seiner Antwort weiter zu erzürnen, doch antwortete er:

"Die Götter machten uns vor einigen Jahren einen Vorschlag: Sie würden die Hexe – also, dich – mit einer List bannen, wenn wir Ihnen vollen Gehorsam leisten..."

Wenige Momente herrschte eine Stille, die jeden Lärm übertönen konnte.

Energisch stand sie auf, schleuderte die meisten Decken von sich und stand da, stolz und sehr, sehr wütend.

"Ein List, so? Nein, wie klug die Götter doch sind, so ausgefuchst, so tückisch! Wenn die List darin bestand, dass sie mir versprochen haben, dass sie die Menschen in Ruhe lassen und nicht länger so hochnäsig und willkürlich mit ihnen umgehen, wenn ich mich an den Baum ketten lasse, dann, ja, dann wurde ich überlistet! Und wie dümmlich, naiv und weltfremd bin ich doch, dass ich es tatsächlich mit mir habe machen lassen!"

Ihre Gestalt erbebte, sie brüllte, raufte sich die Haare und schütttelte das Haupt, bis ihr Gesicht verschwamm. "Sag mir, Jock, weiß denn keiner mehr, weshalb ich die Götter bekämpft habe?", fragte sie, mit schmerzverzerrter Miene. Jock konnte nicht anders, er zuckte mit den Schultern und schüttelte langsam den Kopf.

"Sie sagten uns, ihr seid ein Feind der Götter..."

Ihre Agonie verpuffte zu Trauer, wie eine Sandburg, die zu Staub zerfiel, ließ sie sich auf den Boden fallen.

"Ich habe es getan, um euch zu schützen, wo sich kein anderer für euch einsetzen wollte. Meine Methoden mögen grob gewesen sein, aber habe ich es verdient, einfach so vergessen und verdammt zu werden, nur weil ich den Mut aufgebracht habe, mich aufzulehnen?", murmelte sie. Mit entschlossener Miene erhob sie sich erneut, ihre massigen Ketten schienen für sie kein Gewicht zu haben. "Dann wird es wohl Zeit, den Göttern in Erinnerung zu rufen, dass es mich noch gibt..."

Ein gewaltiges, gigantisches, sehr hölzernes Geräusch erklang. Es erinnerte Jock, der nun aufgestanden war und seinen Blick langsam nach oben wandern ließ, aus irgendeinem sehr seltsamen Grund an den Herbst, an die Apfelernte in den Hängen seiner heimatlichen Hügel. Kranaka hatte jeweils ein Glied ihrer Eisenkette in den knochigen, dürren Finger und zog. Ihre Fersen hatten sich in den Fels gegraben, ihre Wangen bekamen sogar etwas Farbe. Trotzdem hatte sie noch genug Atem, um folgende, verächtlich gespuckte Worte zu äußern:

"Nein, was sind sie ängstlich, was sind sie feige... stell dir das vor: Sie haben mich an den Weltenbaum gekettet, mit Ketten, die ich niemals lösen kann. Meine einzige Möglichkeit wäre es, den Weltenbaum zu fällen, um mich zu befreien – aber ich würde das niemals tun und das wissen sie. Sie benutzen die ganze Welt als Schutzschild für ihr Wohl!"

Jock lauschte dem Knarzen und Krachen, bis Kranaka den Griff lockerte und einige Schritte nach vorne stolperte, während ihre Ketten kürzer zu werden schienen.

"Und was tust du jetzt?", fragte er flüsternd.

Als Kranaka sehr nahe bei dem Baum war, stemmte sie sich erneut gegen ihre Ketten, dünne Rinnsale aus Blut troffen von ihren Handgelenken. Sie trat mühevoll einen Schritt nach dem anderen nach hinten, spannte ihre Fesseln, bis es erneut knarzte und krachte. Rindenstückchen bröselten zu Boden.

"Ich schüttele das Bäumchen."

Und da schlug etwas hinter Jock dumpf auf dem Boden auf.

Die Hexe konnte, trotz ihrer beeindruckenden Leistung, den Weltenbaum am Boden nie und nimmer mehr als einige Ellen hin und her bewegen. Doch einige Meilen weiter oben war das Ergebnis verheerend: Die Zweige peitschten durch die Luft, Wolken und Windwirbel tosten und mehrere Dutzend Götter schwankten auf den Spitzen des Baumes. Und wer sich nicht gut genug an einen Ast klammerte, der stürzte mit einem durchdringenden Schrei der Erde entgegen.

Die Götter fielen zu Boden wie Fallobst.

Rund um den Baum lagen nun ungefähr zwanzig, sich ihre Gliedmaßen unter Stöhnen und Beschwerden reibenden, Gestalten in prächtigen Roben. Kranaka trat einige Schritte vor, begleitet vom Schleifen der Ketten. Die glühenden Kugeln, die sonst den Fuß des Baumes erhellten, folgten ihr und Jock erkannte menschliche Gesichter, tierische Gesichter, Männlein, Weiblein und Zwitter. Doch alle waren sie Götter. Kranakas Stimme schallte herausfordernd über die Szene:

"Nun, Jock, sag mir: Welcher ist es denn...?"

Jock deutete vorsichtig auf ihn. Leichten Fußes hüpfte sie zu ihm, einem Rehgesichtige, der, noch ganz benommen von Fall, gar nicht wusste, wie ihm geschah.

"Du und dein Geschlecht, ihr alle, habt gegen unsere Abmachung verstoßen und hattet euch tatsächlich eingebildet, ich würde es nicht merken?" Seine empfindlichen Ohren zuckten nervös, als sie sich über ihn beugte. Ihre Haarspitzen verhingen drohend sein Antlitz. "Lasst euch eines gesagt sein: Ich mag an diesen Baum gekettet sein, aber es stellt für mich keinerlei Mühe dar, euch auf den Boden der Tatsachen zurück zu holen! Und nun...", ihr Arm zuckte, zu schnell für das menschliche Auge und zeigte auf Jock. "Nimm den Fluch von ihm." Er wand sich wie ein Wurm, während um ihn herum die Götter einer nach dem anderen die Szene ver - und ihn allein ließen.

"Er hat mich betrogen!", sagte er, bis ins Tiefste verletzt, wie es schien. "Ich wollte sie wirklich! Ich habe sie geliebt!" Zwei knorrige Krallenhände hoben ihn am Kragen hoch und sie sah ihm zornig in die großen Rehaugen.

"Ihr kennt doch gar keine Liebe, ihr kennt nur Besitz! Und jetzt nimm den Fluch von ihm!", brüllte sie in Rage.

"Ist ja gut, ist gut! Der Fluch sei von dir genommen!"

"Und jetzt entschuldige dich!"

"Ich bin ein Gott!", heulte er.

"Wird´s bald?!", schnappte ihre Stimme über.

"Ja, doch! Entschuldigung!"

Kranaka ließ ihn zu Boden plumpsen.

Ein Windhauch erfasste den beschämten Tiergott und blähte sein Gewand. Er schwebte graziös nach oben, wie eine Qualle im Meer und war bald aus ihrem Blickfeld verschwunden. Kranaka drehte sich herum und stellte fest:

"Du kannst wieder nach Hause."

Jock nickte. Ein Lächeln stahl sich ihm aufs Gesicht und Freude vertrieb wärmend die Angst.

"Ja."

Jock konnte es fast nicht erwarten, wieder nach Hause zu kommen, weshalb er sich auch alsbald auf den Weg machte.

"Ich komme dich besuchen."

Kranaka hob die Brauen über ihren seltsamen, vielschichtigen Augen. Freude konnte sich darin ebenso spiegeln wie Zorn oder Verzweiflung. So wie bei allen Menschen. Kokett legte sie den Kopf schief.

"Versprich nicht, was du nicht halten kannst..."

Jock genoss noch einmal die Wärme der Lichtkugeln, bevor er sich dazu aufmachte, in die Kälte des Baumschattens aufzubrechen. Er sah zurück.

"Danke", sagte er. "Für alles."

Er trat seine Heimreise an.

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